Archiv der Kategorie: Jahreshauptversammlung

Totengräber Sommermärchen

Der Letzte macht das Licht aus.

Bild: onnola used under CC License  /  Text: Heiko Nieft

Es ist schon irgendwie merkwürdig… Wieder wird es Herbst, und wieder mehren sich die Fragen ob sich der ganze Scheiß eigentlich noch lohnt. Dieses immer* ins Stadion gehen, dieses auswärts fahren, dieses Leiden bei Niederlagen, diese Unterstützung für alte Werte deren Sinn allmählich komplett flöten geht. Wieder wird es Herbst, und wieder steht die nächste Jahreshauptversammlung vor der Tür. Und Jahr für Jahr stellt sich einem die Frage: wie oft bin ich noch dabei? Wie oft lasse ich mich noch verarschen, in die Eier treten, für dumm verkaufen und öffentlich vorführen? Wie oft habe ich noch diesen gottverdammten Glauben daran das irgendwann einmal Schluß ist und die Leute merken welche Scheiße sie seit Jahren anstellen. Diese absolut hirnrissige Idee…

Manch einer mag sich jetzt fragen was denn überhaupt passiert sei. Daher als Erklärung für diejenigen die es ggf. noch nicht mitbekommen haben.
Vergangenen Freitag flatterte mir, und allen weiteren Jahreskartenbesitzern in 112/113, ein Schreiben des FC Bayern zu in dem uns erklärt wurde dass das mit der Überbelegung der Südkurve jetzt nun wirklich nicht mehr ginge, und man daher gezwungenermaßen (der Verein will das ja eigentlich gar nicht, agiert selbstverständlich nur in vorauseilendem Gehorsam) den Zutritt zu den Blöcken 112/113 bei CL-Spielen zukünftig streng reglementieren müsste. Mit nem schicken Check-In-Schalter, Ein- und Auslasskarten und so nem Rotz… Ich gehe nicht zu sehr in die Details, denn darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen.
Auf jeden Fall zeigt dieser Schritt einmal mehr welchen fatalen Weg einige Vereine, und insbesondere der FC Bayern (einmal mehr Branchenprimus – darauf sollte man anstoßen), eingeschlagen haben. Das der FC Bayern dieses umstrittene Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ ohne murren unterschrieben hat, geschenkt. Wer etwas anderes erwartet hatte muss die letzten Jahre im Dornröschenschlaf verpasst haben.
Es geht mir vielmehr um die stetige Distanzierung zu den treuen Fans, zu den Leuten die seit Jahren die Stimmung in die Stadien bringen für die Deutschland inzwischen selbst auf der Insel (also dem Mutterland des Fußballs) beneidet wird. Es geht darum was sich in den vergangenen Jahren alles geändert hat.

Und somit kommen wir zum Sommermärchen, in meinen Augen das schlimmste Ereignis das der Fankultur passieren konnte. Seitdem ist Fußball gesellschaftsfähig, es ist „in“ mit Geschäftspartnern oder der gesamten Großfamilie zum Fußball zu gehen – wobei dann der Sport selbst eher die hässliche Nebenrolle abkriegt anstatt die grandiose Hauptrolle zu spielen – quasi Cindy aus Marzahn statt Angelina Jolie. Zu verlockend sind die Fanshops in den (Multifunktions)Arenen, zu beständig herrscht der Drang vor sich etwas zu essen zu kaufen, sich die Beine zu vertreten oder einfach nur vom Platz fliehen zu müssen weil gerade ein Regentropfen den Weg auf den Sitzplatz gefunden hat.
Seitdem die Vereine begriffen haben das diese Leute mehr Geld im Stadion lassen ist das die neue Zielgruppe. Der heilige Gral des Fußballs. Die „Mona Lisa“ mit Augenbrauen, Utopia in der Realität. In einem Comic würden den Herren Vorstände just in diesem Moment die Dollar-Zeichen in den Augen stehen.

Früher, und damit meine ich die Zeit die in München ca. 7 Jahre zurückliegt, hatte es selbst der FC Bayern noch nötig an Schulen Freikarten zu verteilen um die „olle Schüssel“ namens Olympiastadion halbwegs zu füllen – insbesondere in den kälteren Monaten (und damit meinte man damals Ende September bis Ende April). Da konnte man in der Halbzeit noch ne Schneeballschlacht veranstalten oder versuchen Weihnachtsmädels in Audi-Cabrios zu treffen. Oder, ganz verrückt, sich selbst seinen Platz in der Fankurve suchen – die damals auch wirklich noch ne Kurve war, mit mehreren Blöcken nebeneinander und so. Total verrücktes Zeug also.
Heute bekäme man für die Schneeballschlacht garantiert Stadionverbot, die Audi-Cabrios stehen jetzt sowohl vor der Arena als auch in einem extra Showroom im Stadion, und die freie Platzwahl bedeutet ob man in Block 112 oder doch lieber in Block 113 stehen will.

Dazwischen gab es eine WM im eigenen Land, die einen Hype auslöste der seines gleichen sucht und zukünftig suchen wird. Seitdem sind die Arenen dauerhaft ausverkauft, Jahreskarten sind wertvolle Schätze geworden (die sich auf Auktionsplattformen schnell in bare Münze wandeln lassen), und die Anfragen für Tickets gleichen einer Lotterie. Es spielt also de facto für die Vereine, und exemplarisch für den FC Bayern, überhaupt keine Rolle mehr WER ins Stadion geht. Stimmung ist nicht mehr wichtig, zur Not kommt sie eh vom Band. Hauptsache die Bude ist voll, und der Rubel rollt. Vorzugsweise mit Sitzplätzen. Wenn 200 Leute keine Lust mehr haben stehen bereits neue 1000 Leute Schlange, und zahlen dafür so gut wie jeden Preis.
Der feuchte Traum eines jeden Geschäftsmannes. Angebot und Nachfrage regeln den Preis, und der kennt seit Jahren eh nur noch eine Richtung. Entweder dank ausgewürfelter Topspielzuschläge, oder durch teurere Jahreskarten. Das dabei manch einer auf der Strecke bleibt, ja mei… Das Leben ist ne Schlampe, komm damit klar oder lass es sein.
Die Vereine sehen es als großzügig an das sie überhaupt noch Stehplätze zu günstigen Preisen anbieten, man darf froh darüber sein ins Stadion zu dürfen! Da hat man gefälligst seine Fresse zu halten, und nicht wahnsinnige Forderungen nach Blockfreiheit o.ä. zu stellen! Und überhaupt die Sicherheit, die ist ja inzwischen das höchste Gut und auf einmal werden halt Regeln durchgesetzt die seit Jahren konsequent gebrochen und gebeugt wurden – und vom Verein stillschweigend akzeptiert wurden. Fanblöcke sind nicht erst seit gestern „überbelegt“, Leute werden nicht erst seit gestern geschmuggelt. Das gab es bereits im Olympiastadion, und war sogar erheblich einfacher als heute. Aber heute zählt das Saubermannimage, bloß nicht die neue Klientel vergraulen. Sponsoren stehen auch eher auf die Leute die bei verblödeten „Halt diese Pappe hoch und gewinne irgendeinen Dreck“-Aktionen mitmachen, und das zieht in den Fanblöcken seit jeher nicht so richtig.
Daher muss man jetzt feinsäuberlich protokollieren wer mit seiner Karte wie oft Zutritt zu 112/113 verlangt, noch nur für die Champions League (aber dass das System von heute auf morgen auch auf die Bundesliga angewendet werden kann liegt auf der Hand, und wird auch geschehen). Und man muss zig Diskussionen führen. Über Fans, deren Verhalten, wie man sie am besten in den Griff kriegt – aber bitte immer OHNE die Fans selbst. Wäre ja auch zu einfach die auch noch zu Wort kommen zu lassen und so möglicherweise den Wandel zu behindern.

Und als sei all das noch kein Tiefschlag genug kommt dann auch noch die Hiobsbotschaft das wohl weitere Anteile an der FC Bayern AG an irgendeinen Kommunikationsriesen verkauft werden. Aber hey, der FC Bayern ist ja liquide, hat sein Festgeldkonto und ist nicht auf finanzielle Hilfe von aussen angewiesen.

Womit wir wieder am Anfang wären. Jedes Jahr im Herbst gibt es neue Aufreger, und ich werde den Verdacht nicht los der FC Bayern hat sich gehörig bei der Politik bedient. Wichtig ist nicht mehr was gesagt wird, viel wichtiger ist das was NICHT (öffentlich) gesagt wird. Wirf den Hunden einen Knochen hin, und erzähle dann kurze Zeit später genüsslich wie man gleichzeitig ein saftiges Steak in Ruhe zubereiten konnte. Oder aktuell: erfinde ein völlig blödsinniges Check-In-Verfahren, und hintenrum fädelt man den nächsten Millionen-Deal ein. Das sich die Fans erst vor kurzem bereits darüber echauffiert hatten Anteile an Audi zu verkaufen? Interessiert keinen. Wichtig ist nur das man die Leute vor vollendete Tatsachen stellt. Man stiftet Verwirrung mit etwas scheinbar banalem, so hat man seine Ruhe für das dicke Ding.
Wir rasen ungebremst in Richtung englische Verhältnisse. Und die Vereine ignorieren jegliche Warnungen, Anzeichen, sind zu stur um einmal den Blick auf die Insel zu werfen und zu sehen was dort passiert ist. Und sollte einer doch mal hinsehen sieht er nur das viele Geld das fließt. Die Fans werden für die Vereine erst wieder dann interessant wenn sich der Hype legt, die Stadien nicht mehr ständig ausverkauft sind und Leute gebraucht werden die zwar wenig, aber immerhin verlässlich Geld an den Verein zahlen. Dann wird man als Fan vllt. mal wieder am „längeren Hebel“ sitzen, und nicht jeden Dreck akzeptieren müssen. Das hat nichts mit Erpressung zu tun, sondern mit dem Umgang der Vereinsmitglieder, die letztlich einen Verein überhaupt zum Verein machen.

Wie lange es bis zu diesem Punkt dauert, keine Ahnung. Man kann nur hoffen das es in der Zwischenzeit kein weiteres großes Turnier in Deutschland gibt. Sonst fängt dieser ganze Scheiß von vorne an. Und andere Leute fragen sich Herbst für Herbst wie oft sie sich noch in die Eier treten lassen wollen. Wobei wohl eher zu befürchten ist das selbst diese Fragen dann nicht mehr auftauchen, sondern komplett abgetötet wurden. Von einem weiteren Sommermärchen – oder wann auch immer dann eine WM stattfindet.

immer* = mit immer will ich mich nicht zum Allesfahrer erklären, der bin ich nicht. Werde ich wohl auch nie sein. Aber mindestens alle Heimspiele sind Pflicht, unabhängig vom Wettbewerb. Daher bezieht sich das „immer“ in diesem Fall „nur“ auf die Heimspiele.

Treue kann man nicht kaufen

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Rummenigge penetriert meinen Sinn für Ästhetik

Ich überlege die ganze Zeit, mit welchen Worten ich Rummenigge bloßstellen kann. Kennt ihr das, wenn jemand ein so tiefes Niveau ansetzt, dass es fast unmöglich ist, sich standesgemäß über ihn lustig zu machen? Das Gedicht vom kleinen Karl-Heinz an Papa Franz gehört definitiv dazu. Selbst wenn man sich vornehmen würde das schlechteste Gedicht aller Zeiten zu schreiben, selbst dann könnte man es eigentlich nicht so dermaßen grottig hinbekommen. Da ist echt keiner mehr für zuständig, außer vielleicht Knecht Ruprecht oder die Männer in weiß mit den engen Westen.

Als alter Hip Hopper mit elementarer Freude an Sprache und ihren grenzenlosen Möglichkeiten kann ich nur sagen: Shut the fuck up, bitch! Du penetrierst meinen Sinn für Ästhetik in höchstem Maße. Ich fühl mich vergewaltigt, ich geh erstmal duschen.

© 2009 Traumtorschuetze

Neu im Mingashop: Bandanas
München Bandana FC Bayern München Fanartikel Euer Hass ist unser Stolz Bandana FC Bayern München Fanartikel Südkurve München Bandana FC Bayern München Fanartikel

Jahresschmuseversammlung 2009 des FC Bayern München

Jahreshauptversammlung des FC Bayern München 2009. Bild: Probek used under CC License

Ich bin etwas spät dran mit einem Bericht zur gestrigen Jahreshauptversammlung. Die Telekom hat mir die letzten Tage einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht. Falls ein Zusammenhang besteht zwischen 25 Millionen Sponsoring-Überweisungen an den FC Bayern und dem Zusammenbrechen diverser privater Leitungen – inklusive meiner – so wär es zumindest für mich zu verschmerzen. Ist ja dann sozusagen für einem guten Zweck. Ich glaub aber selbst nicht dran und werd den Brüdern eine saftige Gutschrift abverlangen.

Harmonisch ging´s zu gestern bei der Jahreshauptversammlung. Sehr überraschend harmonisch, standen die Vorzeichen im Vorfeld doch eher auf Spektakel. Letztendlich muss ich persönlich aber sagen, dass es eigentlich genau richtig und würdig war. Würdig für einen Uli Hoeneß, der durchaus in den letzten Jahren interne Kritik verdient hat. Aber ob der gestrige Abend dafür den richtigen Rahmen geboten hätte, wage ich zu bezweifeln. Gestern war der Abend eine unglaubliche Lebensleistung anzuerkennen und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Es ist in Worten nicht fassbar, was Uli Hoeneß für den FC Bayern München geleistet hat. Es ist selbst in Gedanken kaum fassbar. Höchstens in den Gefühlen, die einen überkommen, wenn man grundsätzlich über sein eigenes Verhältnis zum FC Bayern München nachdenkt.

Und nicht nur die Fans und Mitglieder waren insgesamt sehr versöhnlich (Pfiffe gab´s eigentlich nur einmal kurz gegen Rummenigge und leider auch mal wieder gegen eigene Spieler), was sich in einem überwältigen Zuspruch von über 99 % äußerte, Hoeneß selbst war auch in äußerst milder Stimmung. Im laufe des Abends rückten Fans, Mannschaft und Vereinsführung durchaus sehr zusammen und es entwickelte sich eine echte Aufbruchstimmung. Und bei aller Kritik, die auch ich sicherlich wieder an dieser und anderen Stellen vorbringen werde, ist das auch das genau richtige Zeichen in dieser relativ schwierigen Phase. Und anders als so mancher Medienvertreter, der den milden Hoeneß mit seiner Angst vor einem schlechten Wahlergebnis und der Erleichterung danach erklärten, bin ich absolut von der Substanz dieser Worte überzeugt. „Wir dürfen uns auch nicht so sehr von außen an´s Bein pinkeln lassen“. Sicherlich hat er mit solchen Aussagen den Nerv fast aller getroffen. Sicherlich auch nicht unbeabsichtigt. Aber mit Sicherheit auch aus voller Überzeugung.

Highlight war wie jedes Jahr aber trotz historischer Wahlen wie fast immer die Rede von Franz Beckenbauer. „Eine Ära geht zu Ende. Was macht man? Joa, man schaut zurück. Natürlich schaut man zurück, nach vorne hin wird´s ja a bisserl eng.“ Der Kaiser…kommt ans Pult, hat kaum was vorbereitet und rockt wie immer sofort den Saal. Nicht umsonst wurde der Antrag gestellt, der dann Ehrenpräsident sollte auf zukünftigen Jahreshauptversammlungen bitte weiterhin seine Rede halten. Ich bin schwer dafür.

Mit Fakten wie unseren weiterhin formidablen wirtschaftlichen Zahlen will ich euch nicht weiter langweilen. Ist ja auch alles nachzulesen auf unserer offiziellen Seite. Wer alles ganz genau wissen will vom gestrigen Abend – mit auch sehr guten weiterführenden Links – dem empfehle ich den gestrigen Live-Ticker des geschätzten Kollegen Probek, der mit seinem Netbook live aus dem Saal berichtete. Oder ihr schaut natürlich einfach die offizielle Video-Zusammenfassung. Ein paar recht treffende Gedanken hat sich außerdem die Süddeutsche gemacht.

Unter dem Strich kann man sagen, es wurde ordentlich zusammengerückt und es bleibt zu hoffen, dass sich in ein paar Wochen alle Beteiligten daran auch noch erinnern. Der Tenor ist wahr und richtig: Nur gemeinsam sind wir stark. Und wir haben sehr viel, auf das wir stolz sein können. Einen kleinen Seitenhieb kann ich mir aber dennoch nicht verkneifen: Ich hoffe sehr, dass wir das in 10 Jahren auch noch sein und sagen können. Der gestrige Abend war dazu ein wirklich guter Anfang. Zum ersten mal seit langem hat man das Gefühl, Fans und vor allem Verein entfernen sich nicht unaufhörlich voneinander, sondern es besteht eine Chance für eine Gegenrichtung. Und bis ich nicht vom Gegenteil überzeugt werde durch zukünftige Entwicklungen bin ich aber mal ganz sicher da mit der von der Partie. Auf geht´s, ihr Roten! Packen wir´s gemeinsam an!

© 2009 Traumtorschuetze

15 % Novemberaktion im Mingashop FC Bayern München Fanartikel

Von Wutreden, Blaskapellen, und den bitteren Folgen.

Auf und seit der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München vergangene Woche, haben sich viele Dinge ereignet, die der durchschnittlich interessierte Fan nur schwer durchblicken kann. Ich will einen Versuch machen die Dinge ein wenig aufzuschlüsseln und verständlich zu machen. Die mediale Darstellung war und ist voller Halb- und Unwahrheiten und vieles kann nicht unkommentiert im Raum stehen gelassen werden.

Alles fing mit einem relativ harmlosen Redebeitrag eines Mitglieds auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern an, in welchem er die schlechte Stimmung in der Allianz Arena aus seiner Sicht beschrieb. Sicherlich bespickt mit einigen humoristischen Spitzen, aber nie respektlos. Der einfache Tenor…das Publikum in der Allianz Arena hat sich verändert. Nachdem viel Mühe investiert wurde neue Besucher anzulocken, bat er den Verein schlicht sich etwas mehr den treuen Fans anzunehmen, die in der Kurve für die Stimmung verantwortlich sind. Dabei ging es um nichts weiter als um konstruktive Gespräche mit den Vertretern dieser Fans.
Mehrmals betonte er sogar, dass die neuen Kunden, auch in den Logen, zur Finanzierung des Stadions nötig sind und da auch niemand etwas gegen hätte. Nur jetzt könne sich wieder etwas mehr der Basis zugewand werden.

Hier der Redebeitrag in voller Länge. Leider ging natürlich nur der Wutausbruch danach von Uli Hoeneß durch die Medien. Ein vollständiges Bild ergibt sich allerdings nur durch die Betrachtung dessen, was dem vorraus ging. Nämlich nichts, was den zweifellos medienerprobtesten Manager des Landes so hätte aus der Haut fahren lassen müssen.

Teil 1 des Redebeitrags auf der JHV des FC Bayern München

Teil 2 des Redebeitrags auf der JHV des FC Bayern München

Dann kam eine Antwort, mit der wohl niemand gerechnet hatte. Uli Hoeneß vergriff sich von Beginn an im Ton und redete sich geradezu in Rage. Man weiß bis heute nicht, wen er eigentlich genau meinte, er sprach ja nur allgemein im Plural. Seinen Vorredner kann er jedenfalls nicht gemeint haben.

Uli Hoeneß Wutrede als Reaktion auf den Redebeitrag

Leider ging in der Antwort von Uli Hoeneß wirklich so ziemlich alles durcheinander. Aus der Bitte des Redners nach mehr Kommunikation mit den langjährigen Fans wurde, dass alle zurück nach Weinheim wollten und dergleichen Humbug. Dann der unsägliche Hinweis, das die Fans mit ihren 7 EUR Karten eh nichts wert sind und von den Logenbesitzern gesponsort werden. Die Unterstellung, irgendjemand fände es bei 1860 total toll, die ganz bestimmt für niemanden der dort Anwesenden ein Vorbild sind. Und noch der Hinweis auf Ebay und Google, wo dann wirklich nur noch alles in einen Topf geworfen wurde (wer die Gefahr für die Fanszene kennt, die von Google ausgehen soll, bitte melden).

Dann kam ein weiteres Mitglied zu Wort. Weil dieses nicht so gerne Land auf Land ab zu sehen sein möchte, was wir natürlich respektieren, liegt der Redebeitrag nur als PDF Version vor.

Zweiter Redebeitrag auf der JHV per PDF

Dieser Redebeitrag ist absolut sachlich, betont ebenfalls den Wunsch nach mehr Kommunikation, wie es bei den allermeisten Clubs ganz alltäglich ist. Dazu sind einige sehr konkrete und keineswegs dreisten Verbesserungsvorschläge enthalten.

Karl-Heinz Rummenigge wollte dann aber trotzdem natürlich nicht gegenüber Uli Hoeneß zurückstehen und nahm die Gelegenheit wahr, den ungeliebten, weil manchmal kritischen Club Nr. 12 zu diffamieren. Der Club Nr. 12 ist eine Dachorganisation für sehr viele verschiedene Bayern Fanclubs und aktive Bayernfans. Vorsitzende und Mitglieder aus über 200 verschiedenen und offiziellen Bayern-Fanclubs sind auch Mitglied des Club Nr. 12. Er organisiert die großen Choreographien und versucht die Interessen der Kurve seit über 10 Jahren konstruktiv zu vertreten. Der Club Nr. 12 genießt einen ausgezeichneten Ruf unter den Bayernanhängern und macht hervorragende, integrative Arbeit. Nach Rummenigges Meinung allerdings, würden genau diese Leute eine „beschissene Rolle“ spielen im Zusammenhang mit der Stimmung im Stadion. Ein Vorwurf der blankes Entsetzen bei den Fans des FC Bayern verursachte. Ein unerklärlicher Angriff aus heiterem Himmel.

Karl-Heinz Rummenigge zum Club Nr. 12 und von holländischen Blaskapellen

Der „Vorschlag“ mit der Blaskapelle war dann natürlich das komödiantische Highlight einer wirren Rede. Fern von jeder Selbstbeweihräucherung versteht sich, das ist ihm ja anscheinend ganz wichtig, dann betone ich das mal extra. Komödiantisch war das zumindest für die Fans anderer Vereine. Für die Bayernfans war das natürlich eher eine echte Tragödie, die erstmal Sprachlosigkeit verursachten.

In den folgenden Tagen nach der Jahreshauptversammlung stürzten sich natürlich die Medien wie die Geier auf den Ausbruch von Uli Hoeneß. Aber natürlich voller Sensationsgier und ohne jegliche Substanz in der Sache. Das große öffentliche Echo schien den Vorstand des FC Bayern ziemlich überrascht zu haben (wird doch die Internetübertragung „schlauer Weise“ alljährlich genau vor den Redebeiträgen der Mitglieder abgeschaltet). Jedenfalls sahen sie sich genötigt, bei diesem unerwartetem Medienecho, einen offenen Brief an die Fans auf ihrer Homepage zu veröffentlichen. Dieser sollte wohl die Fans besänftigen, machte aber alles nur noch schlimmer. Abgesehen davon, dass nichts als der schnöde Mammon Inhalt dieses Briefes war (dieses hat soviel gekostet, jenes kostet soviel, für das und das Geld kann man jenes erleben), kamen dort erste Vergleiche mit italienischen Verhältnissen auf. Friedliche und engegierte Bayernfans wurden auf einmal indirekt der Gewaltbereitschaft bezichtigt.

Offener Brief des FC Bayern München an die Fans (wer genau gemeint ist, weiß man bis heute nicht)

Da keinem Vertreter des Club Nr. 12 auf der Jahreshauptversammlung nach dem Angriff von K.-H. Rummenigge ein Rederecht eingeräumt wurde und trotz Bitte auch Tage danach keine Stellungnahme von Herrn Rummenigge kam, in der er seine schwammigen Vorwürfe hätte präzisieren können, veröffentlichte auch der Club Nr. 12 einen offenen Brief. In diesem bat der Club Nr. 12 auf eine gemeinsame Linie zurückzukehren und versuchte offensichtliche Mißverständnisse auszuräumen.

Im Angesicht der scharfen Attacken, eine mehr als besonnene Reaktion einer Vereinigung, die sich aber auch rein gar nichts vorzuwerfen hat, aber plötzlich in eine Ecke gedrängt wird, in die sie überhaupt nicht gehören.

Offener Brief des Club Nr. 12 an Karl-Heinz Rummenigge

Vier Tage später und mit ausreichendem Abstand zur angeblich so emotionalen Rede auf der Jahreshauptversammlung, trat Uli Hoeneß dann im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen auf. Mit ruhiger Stimme und in vollem Kalkül präzisierte er dort seine Anschuldigungen, eine kleine Gruppe von Bayernfans wolle italienische Verhältnisse, sei Gewaltbereit und wolle die Kontrolle über die Kurve gewinnen. Andere Fanclubs würden schon mal bedroht, etc. Immer wieder brachte die Moderatorin den Namen des Club Nr. 12 ins Spiel, unwidersprochen von Uli Hoeneß. Urplötzlich wurde so aus einer Gruppe, die nie auch nur im geringsten auffällig geworden war, eine Bande von Rowdies.

Uli Hoeneß im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen Teil 1
Uli Hoeneß im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen Teil 2
Uli Hoeneß im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen Teil 3

Der Versuch eine kleine Gruppe von Bayernfans zu isolieren und mit den anderen auf Friede, Freude, Eierkuchen zu machen, schlug allerdings total fehl. Denn Uli Hoeneß unterschätzte völlig, welch breite Unterstützung der Club Nr. 12 innerhalb der Fanszene des FCB hat. Jeder, der sich mit der Fanszene beim FC Bayern ein kleines bißchen beschäftigt, weiß um die klasse Arbeit des Club Nr. 12. Alleine in 24 Stunden nach dem Auftritt von Uli Hoeneß im Blickpunkt, überschwemmten 70 neue Mitgliedsanträge den Club Nr. 12. Alle solidarisierten sich spontan mit der so zu Unrecht beschuldigten Vereinigung.

Einen Tag später relativierte Uli Hoeneß nach einem längst überfälligen Treffen mit dem Club Nr. 12 im Spartensender DSF, was er Tags zuvor im einschaltquotenstarken BR noch so deutlich andersherum formuliert hatte. Ein Eiertanz.

www.clubnr12.de über die Aussprache mit dem Vorstand
Kleiner Hinweis auf fcb.de, der keine Anzeichen der Gewalt beim Club Nr. 12 klarstellt

So traurig wie die Medienlandschaft in unserem Land funktioniert, hatten da aber schon längst unaufhaltsam die Mechanismen gegriffen, in denen eine Zeitung von der anderen den selben im Blickpunkt Sport verbreiteten Müll abschrieb, ohne die geringste Recherche. Bayernfans in den einschlägigen Foren versuchen gegen jeden einzelnen falschen Artikel mit bitterbösen Leserbriefen vorzugehen und den Ruf des Club Nr. 12 wieder herzustellen. Ein Kampf gegen Windmühlen, der teilweise sogar mit kleinen und größeren Erfolgen verbunden ist. Wichtige Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung berichten schon differenziert und gut recherchiert.

Artikel der SZ Onlineausgabe vom 20.11.07
Artikel der SZ Printausgabe vom 22.11.07

Der überwiegende Anteil der Berichterstattung ist aber bis heute voller Halb- und Unwahrheiten, das Kind ziemlich tief in den Brunnen gefallen. Zwischen den beschimpften und zutiefst enttäuschten Fans des FC Bayern und dem Vorstand ist in diesen Tagen sehr, sehr viel Porzellan zerbrochen. Man wird das Gefühl nicht los, die letzten kritischen Fans sollten hier mundtot gemacht werden. Wie groß die Gruppe derer ist, die sich vom Vorstand zutiefst beleidigt fühlen, wurde dabei aber anscheinend total unterschätzt.

Die öffentliche Meinung kontrolliert der FC Bayern natürlich bei ihren Medienkontakten. Innerhalb der Fanszene solidarisiert sich allerdings so ziemlich alles mit dem Club Nr. 12. Da haben sich die Herren schön verkalkuliert.

Ich hoffe der ein oder andere fühlt sich jetzt etwas besser informiert und kann nun den vielen Halb- und Unwahrheiten die verbreitet werden trotzen. Welche Intention der Vorstand des FC Bayern mit all dem hat, darüber kann und soll sich jeder sein eigenes Bild machen. Die einen vermuten pures Kalkül, die anderen pure Ahnungslosigkeit von der eigenen Fanszene, wieder andere vermuten beides. Fest steht, dass dieses Thema auch Fans anderer Vereine angeht, die vielleicht die nächsten sind. Hohn und Spott sind punktuell verständlich (über Blaskapellen würde ich auch herzhaft lachen, wäre ich kein Roter), aber die Tendenz, dass die treuesten Fans kaum mehr gebraucht werden, ist in den meisten Vereinen rasant fortschreitend vorhanden. Sicherlich hat sich nicht überall der Vorstand so weit von den eigenen Fans entfernt wie in München. Aber dort ist man halt immer seiner Zeit etwas vorraus.

© 2007 Traumtorschuetze

Treue kann man nicht kaufen T-Shirt

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