Ih, Realität… Pfui, geh weg!

Festgenagelte Realität

Bild: autopoiet used under CC License  /  Text: Heiko Nieft

Die Realität hat eine dumme Angewohnheit: sofern man nicht unter ständigem Drogeneinfluss steht wird man sie früher oder später immer wieder kennen lernen. Kann manchmal echt nervig sein. Vor allem wenn diese Realität schneller „Hallo“ sagt als einem selbst lieb ist. Man würde ihr am liebsten mit voller Wucht die Türe vor die Nase knallen und schreien „Heute nicht, bitch!“. Dann stellt sich jedoch raus die dumme Sau hat ne Axt dabei und bahnt sich ihren Weg. Unaufhaltsam. Ohne eine Chance sie aufzuhalten.
Was lange als Beschreibung für unsere Siegesserie herhalten konnte ist nun eben wieder der Boden unter unseren Füßen. Muss man sich erst einmal wieder daran gewöhnen. Der Boden federt nicht mehr bei jedem Schritt nach sondern sorgt für einen Bandscheibenvorfall, die Sonnenstrahlen streicheln einem nicht mehr sanft das wallende Haupthaar sondern blasen dir wie ein Föhn auf Höchststufe jegliche Frisur nach Walhalla. Muss man nicht mögen. Man sollte jedoch wissen das sowas eigentlich der Normalzustand ist.

Und ich glaube das haben manche von uns vergessen. Wie es ist mal ein paar Spiele zu verlieren. Nicht jeden Gegner mit 5:0 nach Hause zu schicken, oder, noch besser, den Gastgeber 5:0 zu besiegen und dann fröhlich beschwingt in die eigenen vier Wände zurück zu fahren. Die letzten zwei Jahre waren ein permanenter Höhenflug. Ein Dauerhoch. Da kann sich schon einmal das Gefühl einstellen nichts und niemand kann einem was anhaben. Naja, und dann kommt eben diese blöde Realität zurück ins Spiel und erinnert einen daran das es nichts geschenkt gibt, und jegliche Form einer ständigen Schwankung unterliegt die sich in Gipfeln und Tälern äußert.
Weil aber nicht sein kann was nicht sein darf stellen wieder Holzköpfe alles in Frage was für dieses Dauerhoch einst gesorgt hatte. Natürlich immer unter der Prämisse das so ein „Absturz“ ja schon längst klar gewesen sein müsste, und man sich ja eh gewundert hat wie lange diese Phase angedauert hatte. Wäre ja viel besser gewesen wenn… Wenn was?!? Diese Flucht ins Konjunktiv wenn die Realität einem nicht mehr schmeckt hilft da auch nicht mehr.
Das perverseste an dem Ganzen: wir sind noch nicht einmal im Ansatz in einem Tal angekommen. Wir haben noch nicht einmal richtig mit dem Abstieg begonnen! Da möchte ich nicht wissen was einmal passieren sollte wenn wir nicht jedes Jahr mindestens ins Halbfinale der Champions League kommen, nicht im März Meister werden und nicht im Pokalfinale stehen. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Wir spielen nach der Triple-Saison die zweitbeste Bundesliga-Saison der Geschichte, ziehen zum dritten Mal in Folge ins Pokalfinale ein und standen zum vierten Mal in fünf Jahren im Halbfinale der Königsklasse. Und weil wir nicht auch dort den dritten Finaleinzug in Folge geschafft haben ist alles doof.
Mit solch einem schwarz/weiß-denken werde ich mich in meinem Leben nicht mehr anfreunden. Wie schnell man von „Superbayern superbayern, hey hey“ zu Pfiffen zur Halbzeit kommt. Erschließt sich mir nicht Freunde, ehrlich nicht. Wer keine Überraschungen mag soll halt russisches Roulette mit 6 Kugeln in der Trommel spielen. Sicherer Ausgang garantiert!

Ich hingegen nehme mir in solchen Momenten gerne die Zeit für einen Rückblick. Schön in Ruhe, vielleicht mit einem kühlen Bierchen in der Hand. Um überhaupt zu begreifen was für eine geile, kranke Tour diese letzten 24 Monate waren. Mir helfen dabei die in dieser Zeit aufgenommenen Bilder, sowohl die im Kopf als auch die digitalen. Dann stellt sich recht schnell ein warmes, wohliges Gefühl ein. Weil man, naja, weil zumindest ich, Dankbarkeit empfinde. Das ich diese geile, kranke Tour miterleben durfte. Das ich dabei meinen Verein begleiten durfte. Die Stationen dieser Tour, nur um ein paar zu nennen: Barcelona. London. Prag. Manchester. Marrakesch.

Unseren Spielern geht es doch letztlich nicht anders. Vor etwas mehr als 24 Monaten war all dies noch undenkbar. Und auf einmal steht man auf der höchsten Stufe. Quasi über Nacht. Du weißt gar nicht was passiert, wirst ständig mit Medaillen überhäuft und darfst ständig Pokale in die Höhe stemmen.
Vollkommen klar dabei ist: ob gewollt oder nicht, irgendwann bist du nicht mehr mit 100% dabei. Irgendwann denkst du es läuft von selbst. Und genau da fängt der Abstieg an. Weil sich dadurch Fehler einschleichen. Weil sich diese Fehler vervielfältigen. Du gehst nicht mehr mit 100% in jeden Zweikampf, der Kollege wird es schon richten – hat ja sonst auch funktioniert. Auf einmal merkst du Tore schießen sich nicht von selbst…
Nichts anderes ist die derzeitige Situation. Das Resultat aus einer gewissen Zufriedenheit, als Ergebnis einer historischen letzten Saison. Kann und sollte man verstehen wenn man Menschen als Menschen und nicht als Roboter sieht.

Und wenn man sich das einmal vergegenwärtigt ist der nächste logische Schritt: Stolz. Unbändiger Stolz. Darauf das die Mannschaft, mit einem neuen Trainer und neuer Spielidee, dennoch die Liga dominiert hat. Das die Mannschaft wieder in Berlin steht. Das die Mannschaft erst im Halbfinale der Champions League ausgeschieden ist. Klar durfte man davon träumen der erste Verein zu werden der es schafft den Henkelpott zu verteidigen. Aber das es bislang kein Verein geschafft hat sollte zeigen das dies ein sehr schwieriges Unterfangen ist.
Unsere Gegner aus dem Halbfinale streben seit über einem Jahrzehnt „la decima“ an. Die standen seit 2002 nicht mehr im Finale. Wir hingegen schafften es 2010, 2012 und 2013. Dankbarkeit. Stolz. DAS sind die zwei Worte die man damit verbinden sollte.

Ich hatte das Glück in den letzten fünf Jahren unzählige Champions League-Spiele live gesehen zu haben. Erst vor kurzem hatte ich das Privileg meine Mannschaft im Estadio Santiago Bernabéu unterstützen zu dürfen, und beim Anblick der Videos des Gästeblocks nach Spielende bekomme ich feuchte Augen.
Zur Königsklasse kommen ebenfalls einige Spiele des DFB-Pokals, nicht zu vergessen die Bundesliga. Ich habe in den letzten zwei Jahren Dinge erlebt von denen manch ein Fan sein Leben lang träumt. Dankbarkeit. Stolz. Auch hier die passenden zwei Worte.

Und als ob es nicht genug wäre das alles so erlebt zu haben hatte ich auch noch das Glück diese Momente mit besonderen Menschen teilen zu können. Weil ich, egal wo ich war, immer wieder die gleichen Gesichter gesehen habe. Weil sich dadurch das Gefühl einer „Familie“ einstellt, auch wenn man sich ggf. ausserhalb der Stadien nicht häufig sieht. Weil man dadurch realisiert das man das gleiche will: die Jungs auf dem Rasen sehen, anfeuern, unterstützen. Weil man dadurch realisiert das Urlaubstage und auch Geld irgendwo egal sind wenn man mit Freunden sonstwo sitzt und gemeinsam isst, trinkt, Spaß hat. Ohne die Erfolge der letzten 24 Monate weitaus weniger häufig realisierbar.
Gestern in Hamburg habe ich Leute getroffen die ich vergleichsweise lange nicht mehr gesehen hatte. Und ich hatte mich sehr darauf gefreut, weil auch hier gleich das Gefühl der „Familie“ wieder da war. Für all das passt nur ein Wort: Dankbarkeit.

Wenn ich mir all das durch den Kopf gehen lasse möchte ich meinen Titel etwas korrigieren: Realität, komm her du geile Sau!
Es bringt nichts in einer Traumwelt zu leben, und sich den Alltag dadurch zu zerstören in dem man versucht die Realität auszublenden. Indem man die Realität akzeptiert kann man die Höhen besser genießen, und die Tiefen (die sicherlich wieder kommen werden) ehrlicher betrauern.
Ich habe die Hoffnung viel mehr Menschen, Fans, wird das einmal bewusst. Das alles heißt nicht das man einfach nur alles hinnehmen muss, und sich nicht mehr kritisch äußern darf. Aber es heißt eben nicht Leute (Spieler, Trainer etc.) anhand des eigenen Wunschdenkens zu beurteilen, wenn die Wünsche völlig fern jeglicher Realität sind. Es heißt auch nicht das streben nach „Perfektionismus“ einzustellen, danach sich zu verbessern. Aber es heißt auch einmal mit dem zufrieden zu sein was man erreicht hat, wenn man alles versucht hat.

Ich bin froh das die Sommerpause vor der Tür steht. Ganz ehrlich. Nicht weil ich die Mannschaft nicht mehr sehen will, sondern weil sich diese Zeit anbietet zu reflektieren. Anschließend geht man frisch in die neue Saison, und lässt sich von dem überraschen was die Realität dann anbietet. Auch darauf kann man sich freuen. Darauf sollten sich alle freuen.

Ich geb mein Herz für dich

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9 Kommentare zu “Ih, Realität… Pfui, geh weg!

  1. Monty 5. Mai 2014 um 9:11 am

    „beim Anblick der Videos des Gästeblocks nach Spielende“

    hast Du Links dazu?

    Merci

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  2. elreyloco 5. Mai 2014 um 6:52 pm

    @ Monty: hier hätte ich einen: https://www.youtube.com/watch?v=zk4gCIuRhD8
    Gibt noch ein paar, die zeigen aber meistens das gleiche.

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  3. Monty 6. Mai 2014 um 11:07 am

    Danke – sehr geil!

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  4. Gimmi 5. Juni 2014 um 7:25 am

    einfach nur der Hammer 🙂

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  5. iain 9. Oktober 2014 um 1:40 pm

    Bin gerade erst auf deinen Blog gestoßen und würde mich über weitere Einträge von dir freuen!

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  6. elreyloco 14. Oktober 2014 um 6:24 pm

    @ iain: vielen Dank für das positive Feedback, das freut mich zu lesen. Vllt. habe ich in der Zukunft mehr Zeit um regelmäßiger zu schreiben. Ich werde es zumindest versuchen.
    Bis dahin gibts ja noch ein paar ältere Beiträge zum nachlesen. 🙂

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  7. Hans 13. März 2015 um 9:43 am

    Schöner Artikel, es hat gut geschrieben.

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  8. dailyFCB 7. Oktober 2015 um 7:07 pm

    Ein sehr schöner Blog – kommt da noch mehr? Ich betreibe ebenfalls einen kleinen FCB Blog unter http://www.dailyfcb.de

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  9. Marc - EIgentor.de 20. Dezember 2015 um 1:03 pm

    Jetzt ist es offiziell, was man schon lange „nicht“ wusste – Pep Guardiola erfüllt sich seinen Traum von der Premier-League und wird
    zukünftig zu 99,9% Manchester City trainieren – das Management ist besetzt mit alten Wegbegleitern aus Barcelona-Zeiten.

    Wer hätte überhaupt daran geglaubt, dass ein Mann wie Guardiola in die Bundesliga wechseln würde. Als echter Fan der Liga
    muss man einfach nur dankbar sein, dass er überhaupt 3 Jahre bei den Bayern war, sein Spielsystem den Bayern eingehaucht hat und das Niveau
    nochmals gesteigert hat.

    Zugegeben muss man sicherlich, dass es theoretisch keine Kunst ist mit der Mannschaft des FCB Meister zu werden – wahrscheinlich könnte dies
    fast jeder „Hobby-Coach“ – die Kunst lag mehr im Management des Mannschaftsgefüges und dem Aufrechterhalten der Laune trotz Rotation & Härtefällen.
    Im Nachgang muss man fast dankbar sein, dass viele der Topstars immer mal wieder länger ausgefallen sind. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie die
    Stimmung im Team wäre, wenn wirklich alle Stars 100% fit gewesen wären.

    Der Abgang wird das Team eher noch unberechenbarer und fokussierter machen – bei Heynckes war es eine vergleichbare Situation und das Triple wurde
    eingefahren.

    Pep`s Zeit in München KANN durch den Championsleague-Titel zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden – aber selbst, wenn man wieder gegen Madrid oder
    Barcelona ausscheiden oder verlieren sollte, MUSS jeder Fussballfan in Deutschland dankbar sein, dass Pep Guardiola die Bundesliga für 3 Jahre bereichert hat.

    Sein Nachfolger ist ein Fachmann, ein Weltmann und Gentleman mit natürlicher Autorität und großer Erfahrung bei großen Vereinen und dank des guten Netzwerkes von Rummenigge
    ist auch diese Verpflichtung ein Coup.

    Als „deutscher“ Fan der Bundesliga würde man sich allerdings nach Ancelotti vielleicht mal einen jüngeren Trainer bei den Bayern wünschen, der vielleicht seit Jahren erfolgreich einen eher
    mittelklassigen Verein mit knappem Budget erfolgreich entwickelt – denn eines ist ganz klar:
    Die großen Trainer setzen auf große Namen und geben dem Nachwuchs selten wirkliche Chancen – der letzte der hier wirklich ein Ausrufezeichen gesetzt hatte war van Gaal, der Müller und
    Badstuber hochgezogen und gefördert hat.

    Ancelotti wird sicherlich 1-2 Wunschspieler verpflichten dürfen, die dann das Mannschaftsgefüge des FCB ein wenig in Bewegung bringen. Es fehlt neben Lewandowski ein wirkliches Backup im Sturm und
    auch die Innenverteidigung bedarf eines wirklichen zweiten starken Mannes a la Boateng – Badstuber ist noch nicht wieder der alte, Benatia ist ständig verletzt und die Aushilfskräfte Alaba bzw. Alonso sind
    nur bedingt zu gebrauchen, wenn es gegen Topclubs geht – für die Bundesliga reicht es immer, aber für den letzten Schritt zum Championsleague-Titel bedarf es einem anderen Niveau.

    Aber zur Beruhigung aller Bayern-Fans und zum Entsetzen der restlichen Fussballfans in Deutschland – auch unter Ancelotti wird sich an der Dominanz der Bayern nichts ändern, zumal zu befürchten ist, dass
    der BVB nach Ende dieser Saison einige schmerzhafte Abgänge von Leistungsträgern ertragen muss (Hummels, Reus, Gündogan, Aubameyang)…

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