Fiasko dahoam – ein Emotionsrückblick

Zu diesem Zeitpunkt hatte man noch Hoffnung.

Bild: Markus Unger used under CC License  /  Text: Heiko Nieft

1822 schrieb ein gewisser Franz Schubert seine Sinfonie in h-Moll, dieses klassische Stück ging als „Die Unvollendete“ in die Geschichte ein. 190 Jahre später hatte der FC Bayern die Möglichkeit erneut Geschichte zu schreiben, doch auch dieses Mal geht es höchstens als „die Unvollendete“ in die Historie ein – als unvollendete Saison in der Champions League wohlgemerkt. Es gibt noch weitere Parallelen, sofern man denn etwas großzügig interpretiert. Sowohl Schuberts Werk als auch die CL-Saison 11/12 des FC Bayern hören sich prinzipell gut an, beide fangen eher düster an und werden in ihrem Verlauf von einem stolzen Charakter geprägt. Doch unglücklicherweise fehlt beiden das „happy end“. Stattdessen steht man am Ende leicht irritiert im Raum, und fragt sich ob es das denn schon gewesen sein soll.

Zugegeben, ich bin kein großer Klassik-Fan, und die Beschreibung des Verlaufs entstammt in ihren Grundzügen aus Wikipedia. Ich habe jedoch lange nach einer passenden Einleitung gesucht, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Und was passt besser als der Vergleich zwischen einem nicht vollendeten Meisterwerk und einem… naja… nicht vollendeten Meisterwerk.
Ich will aber gar nicht großartig über das Spiel schreiben, ich gehe davon aus jeder hat es gesehen weshalb ich mir tiefgehende Analysen ersparen kann. Mir geht es viel mehr darum einen kleinen Einblick in meine Gefühlswelt zu offenbaren, wobei ich mir vorstellen kann das es anderen ähnlich ergangen ist.

Fangen wir am besten von vorne an. Vor einem Jahr hätte ich nie damit gerechnet das der FC Bayern in das Finale der Champions League 2011/2012 einzieht, noch dazu im eigenen Stadion. Zu unvorstellbar schien es. Erst die CL-Quali, durch den schlechteren Topf auch die Gefahr einer schweren Gruppe. Doch beides hatte man geschafft, aber bereits im ersten KO-Spiel wurde es wieder kritisch – Stichwort Basel. Danach steigerte sich die Mannschaft international von Spiel zu Spiel, und jedem schwirrte mehr und mehr die Aussage von Uli Hoeneß im Hinterkopf herum. Sollte es wahr werden? Das „Finale dahoam“? Wie wir alle wissen wurde es wahr, nachdem die Truppe im Halbfinale auch Real Madrid ausschalten konnte. Aber jetzt war nicht mehr das erreichen des Finales das Gesprächsthema, sondern eher das der FC Chelsea der Gegner ist. Fest mit einem Sieg rechnend verging die Zeit bis zum Finale recht rasant, die Spannung stieg und stieg, die Landeshauptstadt München fing an ob des Ereignisses zu vibrieren. Eigentlich überall wurde man mit Werbung zu diesem Spiel bombardiert, in den letzten Tagen vor dem Finale konnte man kaum noch aus dem Haus gehen ohne an das Spiel erinnert zu werden. Man hatte einfach dieses Gefühl das es eine einzige große rot-weiße Party werden würde, an diesem 19. Mai 2012. Sponsoren drückten per Werbefläche die Daumen, anderenorts wurde das „Champions Festival“ im Olympiapark angepriesen. Einfach alles deutete auf diesen einen Tag, auf diese wenigen Stunden am Abend hin. Selbst Arbeitskollegen die sonst nicht allzu viel mit Fußball anfangen konnten wussten von dem Spiel und fragten ständig nach dem eigenen Empfinden. Ich hatte das Glück das alles jeden Tag direkt in München genießen zu können, weniger Glück hatte ich (und viele viele andere) jedoch beim Thema Kartenvergabe. Schon vorher war klar das die Preise auf dem Schwarzmarkt explodieren werden, was sie dann auch taten. Daher stand recht früh fest das ich, wie viele meiner Kurvenkollegen, das Finale wohl leider nicht live im Stadion verfolgen kann.
Zum Glück gibt es jedoch ein kleines aber feines Forum namens Qiumi – ich selbst bin dort seit vielen Jahren aktiv, viele der dort registrierten Bayernfans sind aktive Supporter, aber alle mindestens mit Herzblut dabei. Die User verstreuen sich über das gesamte Bundesgebiet, dennoch entschloss man sich ein gemeinsames „Public Viewing“ zu organisieren. Leichter gesagt als getan, schnell stand fest das die Anzahl der Teilnehmer eine gewisse Planung erfordert. Da sowohl das off. Public Viewing im Olympiastadion als auch auf der Theresienwiese ziemlich schnell ausverkauft waren musste also etwas anderes herhalten. Die Wahl fiel auf das Backstage-Gelände, und man hatte sogar das Glück noch einige Tische reservieren zu können. Lange Rede, kurzer Sinn, am Ende waren es mehr als 50 Leute aus ganz Deutschland die sich gemeinsam das Finale angesehen haben. Ich für meinen Teil fand alleine das einfach nur wunderbar, auch weil ich viele der Auswärtigen bereits kannte und mich auf ein Wiedersehen freute. Dies trug natürlich auch seinen Teil dazu bei das dieser Tag einfach kein Tag wie jeder andere wurde – unabhängig vom Spielausgang.

Den Finaltag im Detail zu beschreiben würde jeden Rahmen sprengen, und selbst dann nicht dem Gefühl im Ansatz gerecht werden das man hatte als man auf die illustre Runde blickte. Das Wetter war wie eigentlich alles einfach perfekt für diesen Tag, für diesen Abend. Jeder war guter Dinge, man trank das ein oder andere Bier, sang fröhlich und ausgelassen und man spürte die immense Vorfreude. Im Hinterkopf hatte wohl auch jeder schon irgendwie den Gedanken an die Nacht gerichtet, ich für meinen Teil tat dies auf jeden Fall. Alleine dir Vorstellung was bei einem Sieg des FC Bayern in München los gewesen wäre verleiht mir auch heute noch Gänsehaut.
Ich habe es selten erlebt das jeder vom Gewinn so überzeugt war, dieser unbändige Wille und das Glänzen in den Augen aller Anwesenden ist eines der Dinge an die ich mich sicherlich noch lange erinnern werde. Wohlgemerkt war das alles noch Stunden vom Anpfiff entfernt, die Zeit bis dahin wollte nicht so recht vergehen.
Die Anspannung stieg je näher der Anstoß rückte, man merkte das die Ausgelassenheit ein wenig dem kribbeln wich, dieser Art von kribbeln das es so wohl nur bei einem CL-Finale gibt – erst recht wenn es quasi vor der eigenen Haustüre stattfindet und der eigene Verein teilnehmen darf.
Als das Spiel endlich anfing konnte man schnell erkennen das die Hausherren den Ton angaben, im Regelfall nennt man sowas ein Spiel auf ein Tor. Entsprechend gut war die Stimmung, dieses Spiel konnte einfach nicht verloren werden. Man hatte Chance um Chance, jedes Mal bereit für den Torschrei, jedes Mal bereit für inbrünstigen Jubel. Aber irgendwie wollte einfach kein Tor fallen,  keine Ahnung ob es an fehlendem Zielwasser lag oder am teils übertriebenen Spieltrieb. Dennoch war man auch in der Halbzeit davon überzeugt den Henkelpott heute nach 11 Jahren endlich wieder nach München zu holen.
Die zweite Hälfte lief ähnlich zu der ersten, wieder waren wir am Drücker, wieder hatten wir die Chancen. Ribéry netzte sogar einmal ein, leider war es Abseits weshalb es nicht zählte. Doch diese Situation zeigte welche Stimmungsexplosion einen erwarten würde wenn am Ende der Sieger Bayern heißt, lauter Jubel überall, bis jeder realisierte das der Treffer nicht zählte dauerte es ein Weilchen. Weiter 0:0, bis zur 83. Minute. Ausgerechnet Müller, der Müller der vor zwei Jahren seine Chancen nicht nutzen konnte, trifft zum lang erwarteten und absolut verdienten 1:0. Sowohl die Stimmung im Stadion, als auch im Backstage kocht über. Lange Freudenschreie, Jubel ohne Grenzen, Tränen des Glücks bereits in den Augen. Einfach unbeschreiblich was in diesem Moment in einem vorgeht, pure Extase. 7 Minuten noch zu spielen, Bayern haushoch überlegen, was sollte da noch schiefgehen?

Doch dann wurde Müller ausgewechselt, und das Spiel änderte sich. Chelsea drückte, und kam durch den deren ersten Eckball in der 88. Minute zum Ausgleich. Schock… War das wirklich gerade passiert? Zählt der Treffer? Hat sich Drogba vllt. aufgestützt, irgendein anderes Foul? Nein, leider nicht. Fassungslosigkeit wenige Minuten nach dem ultimativen Jubel. Erste Gedanken schossen einem durch den Kopf, als Bayernfan ist man seit ’99 ein gebranntes Kind was späte Gegentore in einem CL-Finale angeht. Auf einen Schlag wich die Ausgelassenheit der Sorge, die Vorfreude dem Bangen.
Gegenseitige Zusprüche nach der regulären Spielzeit. „Das schaffen wir noch!“, „Wir packen das Jungs!“ und ähnliche Sprüche. Fast wäre es ja auch so gekommen, ein Elfmeter für uns in der Verlängerung, der Torschrei bleibt einem jedoch im Halse stecken. Verschossen… Im CL-Finale… Das kann doch nicht sein! Wieder eine 180°-Wendung der Gefühle in kurzer Zeit. Die Stimmung wird wieder nervöser, der spontante Glaube an einen Gott erwacht, Stoßgebete gen Himmel oder sonstwohin schwirren durch die Luft. Nichts mehr zu spüren von der Ausgelassenheit vor Spielbeginn.
Die Verlängerung geht zu Ende, es gibt mal wieder Elfmeterschießen. Diese Lotterie, bei der die Deutschen eigentlich immer das Quentchen Glück haben. Bayern geht in Führung, wieder großer Jubel als Neuer hält, der Glaube an den Titel ist zurück. Jetzt muss es doch klappen!

Doch es klappt nicht. Olic und ausgerechnet Schweinsteiger verschießen, während Drogba den entscheidenden Elfmeter versenkt. Sofort wird es still, keiner fiebert mehr mit, keiner schreit mehr. Aus, vorbei… Verschenkt… Ein elendiges Gefühl bahnt sich seinen Weg, man ist nur noch fassungslos.
Als ich mich das erste Mal umblicke nachdem ich selbst erst einmal nur noch allein sein wollte sehe ich die gleichen Gesichter wie das ganze Spiel über, aber der Ausdruck ist anders. Keine Freude, kein Glänzen in den Augen. Nur noch absolute Leere. Niemand wütet, es hat keiner mehr die Kraft. Eine emotionale Achterbahnfahrt gipfelt im Absturz. Die Leute sitzen regungslos da, oder stehen ebenso regungslos an den Tischen. Irgendwann fängt der erste an rumzulaufen, und versucht die anderen anwesenden Forumskollegen zu trösten. Wortlos. Mit der Zeit weicht die Ohnmacht, und immer mehr Leute wollen ihre Freunde trösten. Schulterklopfen, wenige Worte fallen.
Mir ist irgendwie nur noch übel, ich fühle mich ausgekotzt und orientierungslos. Am liebsten würde ich mich auf der Stelle eingraben, die Uhr zurückdrehen oder auch wahlweise einfach nur vergessen was gerade passiert ist.

Diejenigen die mit dem Auto gekommen sind machen sich relativ schnell auf den Rückweg. Aus der geplanten durchzechten Partynacht wird nichts. Unser „Mob“ löst sich Stück für Stück auf, auf diejenigen Kumpels die im Stadion waren warten wir nicht mehr. Wir wissen auch gar nicht ob sie überhaupt zurückkommen würden. Und selbst wenn, was würde das ändern?
Ein paar bleiben noch länger wie versteinert sitzen, während ich mich mit Marco verabschiede. Sein Zug fährst erst Sonntag früh, aber auf durchmachen hat niemand mehr Lust. Also ab in meine Wohnung, nur noch schlafen. Sofern möglich… Gedanken schießen durch den Kopf, was wäre wenn… Aber letztlich ist es ein Labyrinth ohne Ausgang, man verrennt sich in Gedanken, dreht sich im Kreis. Findet keine Lösung.

Der Sonntag, eigentlich für die Triumphfahrt geplant, ist ein Tag zum vergessen. Irgendwie habe ich ein paar Stunden geschlafen, aber ich fühle mich weiterhin einfach nur miserabel. Kein Bock auf schönes Wetter, die Vorhänge bleiben zu. Irgendwann fängt man an zu realisieren welche historische Chance man verpasst hat. Das Kopfkino kommt zurück, man stellt sich vor wie die Party in München wohl gewesen wäre wenn Bayern gewonnen hätte. Wie „episch“ es doch geworden wäre. So sitzt man nur wie betäubt vor dem Fernseher, und vermeidet jegliche Sendung zum Thema CL-Finale. Die Aufzeichnung habe ich selbst noch direkt nach meiner Rückkehr gelöscht, bloß keine Erinnerung.
Die folgenden Tage in der Arbeit sind nicht großartig anders. Zum Glück halten sich die Kollegen, die wissen das ich leidenschaftlicher Bayernfan bin, mit „Beileid“ oder irgendwelchen Witzen zurück. Ändert aber nichts daran das man nachwievor neben sich steht, weiterhin nicht wirklich wahrhaben will was am Samstag spät abends passiert ist.

Irgendwann höre ich mal einen Kollegen fragen wie man denn wegen so einem Spiel so emotional sein kann und sogar weint, ich glaube sogar das Wörtchen „dumm“ gehört zu haben. Die Frage ging zum Glück nicht an mich, und ich habe auch keinerlei Interesse mich einzumischen. Wie soll man so jemandem sowas auch erklären?
„Ist doch nur ein Spiel“, dieser Satz klingt wie Hohn für jeden Fan mit Herzblut. Egal wo. Es ist viel mehr als „nur ein Spiel“. Jeglicher Erklärungsversuch wieso das so ist ist überflüssig. Emotionale Verbundenheit ist allgemein nur schwer zu erklären. Es ist so wie es ist, wer es nicht selbst erlebt kann es nicht verstehen.

Jetzt, knapp eine Woche später, ist das vergebene Finale immer noch allgegenwärtig. Und das wird es auch bleiben. Ähnlich wie ’99 wird sich dieses Spiel einbrennen. Barcelona ’99 war für mich auch deutlich weniger schlimm, aus verschiedenen Gründen. Ich war damals noch jünger, bei weitem nicht so emotional und fanatisch wie heute. Und ich war damals alleine im Oly, hatte danach nur mit mir zu kämpfen. Dieses Mal erinnere ich mich auch noch an die leeren Gesichter, an die Tränen der Freunde mit denen ich gerne zusammen gefeiert hätte.
Und dennoch möchte ich diesen Tag nicht mehr missen. Ja, wir haben das Spiel verloren. Aber die gemeinsame Vorfreude, das gemeinsame Leiden, sind irgendwie auch Momente die diesen Tag so einzigartig gemacht haben. Alleine die wenigen Minuten zwischen Führung und Ausgleich waren so wahnsinnig geil… Das Wissen das man, wenn man einige bei einem Auswärtsspiel nächste Saison wiedersieht, diese Momente zusammen erlebt hat schweißt einen zusammen. Genau aus diesem Grund spüre ich sogar schon wieder eine gewisse Vorfreude auf eben diese Auswärtsspiele. Und natürlich auch auf die Heimspiele, aber die Auswärtsauftritte sind halt das i-Tüpfelchen.

Was bleibt ist die Hoffnung das die Mannschaft aus diesem Spiel lernt, die Kaltschnäuzigkeit wiederfindet die den FCB die vergangenen Jahre über so ausgezeichnet hat. ’99 und ’01 haben uns gelehrt niemals aufzugeben, diese Einstellung muss wieder zurückkehren an die Säbener Straße. Dann stellt sich auch die Frage nach dem nächsten CL-Finale nicht, nur die Frage nach dem „wann“. Klar wird ein Sieg in naher Zukunft die jetzige Niederlage nicht gutmachen, der Jubel in der Stadt wird vermutlich eine Stufe kleiner ausfallen. Aber wir werden auch diesen Titel richtig feiern, soviel steht fest. Am liebsten im Kreise der Leute mit denen ich auch die Niederlage vor einer Woche erleben durfte, damit ich dieses Glänzen in den Augen auch nach dem Spiel sehen kann, und nicht nur davor.

Jetzt heißt es erstmal die Zeit bis zur nächsten Saison damit zu verbringen seine Wunden zu lecken, wirklich Bock auf Fußball hat man eh erst einmal nicht. Die anstehende EM interessiert mich persönlich nur äußerst gering, Nationalmannschaften sind nicht so mein Ding. Aber spätestens ab Mitte August, wenn der Ball in der Bundesliga wieder rollt, muss man das Finale hinter sich gelassen haben und wieder daran glauben Titel zu holen. Der FC Bayern lässt sich nicht unterkriegen, wir kommen wieder. Jetzt erst recht!

FCBM Unbreakable since 1900 FC Bayern München Fanartikel

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3 Kommentare zu “Fiasko dahoam – ein Emotionsrückblick

  1. Tyler 29. Mai 2012 um 10:36 pm

    Zu 100% auf den Punkt gebracht. Super geschrieben, Danke!

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  2. SGIAI22 31. Mai 2012 um 5:22 am

    Kann mich dem nur anschließen! Top.

    MfG

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  3. catalanfutbol 25. Juni 2012 um 7:29 pm

    Sehr guter Artikel! Überhaupt gefällt mir der Blog gut. 🙂

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