Eine Krise wäre ein Sprint, doch wir laufen einen Marathon

Wild und weise müsst ihr sein.

Bild: biphop used under CC License  /  Text: Marco Thielsch

Überall kann man es lesen, das böse Wort Krise im Zusammenhang mit unserem FCB. Dabei ist die Beschreibung der Symptome dieser Krise meist sehr diffus. Ja, wir haben Probleme. Aber die sind in weit höheren Etagen zu finden, als dort, wo sie zur Zeit noch gesucht werden. Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Spielerische Krise:

Jupp Heynckes war nach eigener Aussage angetreten, die Abwehr zu stabilisieren und vorne durch mehr Positionswechsel variantenreicher zu spielen. Das war sein Konzept. Klingt sinnvoll, ist aber wenig bahnbrechend und nicht dazu geeignet, uns spielerisch ins neue Jahrzehnt zu führen. Jupp Heynckes geht keinerlei Risiken ein, wir spielen immer das selbe System, die Auswechslungen sind immer die selben, der Kader könnte auch aus 14 Mann bestehen, zum Einsatz kommen eh immer die gleichen Spieler. Ist das überraschend? Wenig. Jup Heynckes wurde verpflichtet als Verwalter, als jemand der nicht aneckt, jemand, dem man anscheinend noch einen Gefallen schuldig war, nachdem man ihn Anfang der 90er gefeuert hatte. „Ruhiges Fahrwasser“ versprach man sich von ihm. Das haben wir aber sowas von bekommen, Freunde. Wenn wir noch ruhiger fahren, schlafen wir ein.

Die hohen Herren in unserem Verein wollten es sich schön gemütlich machen, nachdem ihnen Louis van Gaal so viele Nerven kostete. Dabei wurde die Entwicklung im Fußball komplett verschlafen. Es kommt nicht von ungefähr, dass es Mannschaften mit weit geringeren finanziellen Mitteln und weit weniger talentiertem Spielermaterial reihenweise schaffen, uns auf dem Platz zu decodieren. Wo ist die Risikobereitschaft in der Spitze unseres Vereins? Wo ist die Vision, einen Trainer zu verpflichten, den man endlich mal in Ruhe arbeiten lässt, der die Mannschaft taktisch weiterbringt und der eine klare Handschrift auf den Platz bringt? Heynckes war dieser Mann nicht. Und das Schlimme: Er sollte es auch gar nicht sein. Kein Risiko. Aber dann wundern, wenn sich die Null-Risiko-Mentalität auf dem Platz in der Spielweise der Mannschaft wiederspiegelt.

Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Die Doppelmoral der Vereinsführung:

Ausgerechnet jetzt ist es so ruhig um den Trainer, wie es in vergleichbaren Situationen bei keinem einzigen Trainer war. Ausgerechnet der, der nur verwaltet, von dem man nicht erwarten kann, dass wenn man ihm nur Zeit gibt, da etwas wirklich Neues entstehen könnte, ausgerechnet der ist unantastbar. Versteht mich nicht falsch, Heynckes jetzt in Frage zu stellen, würde nichts besser machen. Aber wenn ich an „Fußball ist keine Mathematik“ oder an gewisse Sky-Auftritte unseres Präsidenten denke, dann kann ich das Handeln unserer Vereinsspitze einfach nicht nachvollziehen. Das ist zweierlei Maß, wie so oft in den letzten Jahren. Da wird Thomas Kraft nach einem Fehler förmlich zerlegt, nach viel mehr Fehlern genießt Manuel Neuer Welpenschutz. Da wird vor ein paar Jahren über Gazprom wüst hergezogen, um sich heute mit ihnen an einen Tisch zu setzen. Da wird was von Defiliermarsch gefaselt und am Ende doch wieder den Kätzchen geholfen, wo es nur geht. Hintenrum mit Tricks versteht sich. Da wird das Internet als Mittel zur freien Meinungsäußerung verteufelt und auf der anderen Seite eben über jenes mit haarsträubenden Methoden Zielgruppendaten gesammelt und ausgewertet. Man muss ja seinen zahlungskräftigen, aber bitte unkritischen „12. Mann“ genau kennen, während man aber gegen den wirklichen 12. Mann, dem Fan in der Kurve, einen regelrechten Feldzug führt. Die Beispiele für die Doppelmoral im Verein wären sicherlich abendfüllend.

Vieles läuft zur Zeit extrem falsch beim FC Bayern München. Das wenigste hat dabei mit einem 3. Platz in der Bundesliga oder einem verlorenem Achtifinal-Hinspiel in der Champions League zu tun. Wenn man diese Saison an Titeln misst, dann ist da längst nicht alles verloren, alles halb so wild. Wenn man aber den Grad an Stagnation und Selbstherrlichkeit im gesamten Verein nimmt, dann ist diese eine weitere verlorene Saison, egal ob wir Titel holen, oder nicht.

Ich persönlich erwarte nicht mehr, dass in absehbarer Zeit die Weichen an der Spitze des Vereins endlich in eine gesündere Richtung gestellt werden. Für die Mannschaft ist das schade, denn diese Truppe befindet sich zu großen Teilen gerade im besten Alter und mit etwas mehr Aufbruchstimmung im gesamten Verein würden die Karrieren jedes einzelnen Spielers wesentlich steiler verlaufen, denn als Protagonisten in einem ziemlich planlosen großen Ganzen.

Für uns Fans ist diese Situation ebenfalls eine große Herausforderung. Unangenehme Wahrheiten müssen ausgesprochen werden, auch in einem Klima, in dem kritische Stimmen schnell völlig diskreditiert werden. Aber wir dürfen das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Wut, Enttäuschung und negative Gefühle dürfen nicht die Oberhand gewinnen, zusammenhalten ist mehr denn je oberstes Gebot. Seid wild mit Weisheit, ihr Roten! Diese Situation ist kein Sprint, sie ist ein Marathon.

You will never walk alone Kapuzenjacke FC Bayern München Fanartikel

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3 Kommentare zu “Eine Krise wäre ein Sprint, doch wir laufen einen Marathon

  1. MightyMiri 23. Februar 2012 um 5:01 pm

    Amen!!!!

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  2. BORN TO BE FCB 24. Februar 2012 um 7:36 am

    Ich schwörs ich habs so kommen sehen als ich vom „Hort der Glückseligkeit“ hörte…

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  3. SGIAI22 27. Februar 2012 um 2:08 pm

    Sehr schöner Eintrag!

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