Der Opportunist und sein Buch – Philipp Lahm und die eine Image-Kampagne zuviel

Philipp Lahm, der inszinierte Kapitän.

Bild: sdhansay used under CC License  /  Text: Marco Thielsch

Wisst ihr noch, wie der Lütte da damals aus Stuttgart wieder Heim gekommen ist? Sechs Jahre ist das mittlerweile her. Damals hatte auf unserer linken Defensivseite ein gewisser Bixente Lizarazu nahezu Gottstatus bei Bayern München. Also vor allem bei uns, den Anhängern. Man hätte zu der Zeit nicht gedacht, dass man in absehbarer Zeit, vielleicht sogar jemals, einen adäquaten Ersatz für den baskischen Mini-Me des sagenumwobenen Adonis finden würde. Aber Pustekuchen. Philipp Lahm hat die linke Seite direkt weitergerockt und man war echt stolz auf dieses Eigengewächs, das zwar aus der Wäsche geguckt hat wie ein Heimkind am Tag der offenen Tür, aber reihenweise die größten und besten Gegenspieler abgekocht hat, als gäb´s kein Morgen.

Sechs Jahre später ist die Fußballwelt an sich eine ganz andere, als sie es damals war. Roman Weidenfeller stellt nicht ganz unberechtigte Überlegungen an, öfter mal ein Tutu zu tragen, um mehr Chancen in der Deutschen Nationalmannschaft zu haben. Ehemalige Weltklassestürmer fliegen mit nichts als Geldkoffern im Gepäck unter Sperrfeuer tschetschenischer Seperatisten in Kaukasien zum Fußballspielen ein. Vereine führen nach allen Regeln der Kunst Propaganda-Feldzüge gegen ihre eigenen Fans. Und Opportunismus im Fußball ist nicht mehr was für Schleimer und Weicheier, die aufgefressen werden in einem Mannschaftsgefüge, sondern eine Grundvoraussetzung um ganz groß Karriere zu machen.

Die größte Karriere hat dementsprechend der größte Opportunist gemacht. Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft und des FC Bayern München. Als Außenverteidiger. Mit 27. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht aber in diesen Zeiten, in denen Image-Berater und Trivial-Presse Spieler im Geschäft Fußball positionieren, anstatt die Spieler sich selbst durch Leistung auf dem Platz, gepaart mit einem speziellen Charakter.

Fußball unterscheidet nur noch wenig von Politik. Du musst dich bei den richtigen Leuten einschleimen, du musst bei jeder sich bietenden Gelegenheit, um dein Image und deine Macht zu vergößern eiskalt und ohne Skrupel bei menschlichen Kollateralschäden zuschlagen. Du musst dies möglichst so geschickt tun, dass alles negative dabei an dir abperlt wie Schmutz an Teflon. Und du brauchst die Springer-Presse. Das sind die Säulen der Macht, auch im Fußball. Und Philipp Lahm und seine Berater verstehen sich in diesem Spiel wie kaum jemand.

Dass dabei jeder Schritt vor allem dem Eigennutz und dem eigenen Image dient, versteht sich von selbst. Und deswegen war dieser Philipp Lahm, der sich menschlich in den letzten sechs Jahren so fragwürdig entwickelt hat, noch nie wirklich tragbar als unser Kapitän. Was hatten wir für großartige Spielführer, die das Amt auf ihre Art so mit Leben, Stolz, Ehre und echten Werten gefüllt und den Verein so wundervoll repräsentiert haben! Mir fallen fast die Finger ab und es tut mir in der Seele weh, es schreiben zu müssen, aber für den jetzigen Kapitän des FCB schäme ich mich. Philipp Lahm ist wie eine Metapher für alles, was falsch läuft im heutigen Fußball. Und nicht nur da, der Fußball ist ja auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Philipp Lahm schadet dem FCB, ein um´s andere Mal.

Nun also dieses Buch, welches er hat für sich schreiben lassen. Was wohl als weiterer Schritt zur Profilierung gedacht war. Was ihm aber jetzt ganz schön um die Ohren zu fliegen scheint. Rudi Völler findet deutliche Worte (klick) und fordert Konsequenzen. Selbst der Diplomat Ottmar Hitzfeld hält Lahm für „schlecht beraten“. Der Mediendirektor und die Spitzenfunktionäre des DFB „verschaffen sich einen Überblick über die Zusammenhänge“. Der mediale Wind bläst Lahm zudem jetzt schon sehr kräftig ins Gesicht und plötzlich werden die Finger in für Lahm sehr unangenehme Wunden gelegt und endlich sein Charakter hinterfragt.

Ich glaube, aus der Nummer kommt der Junge nicht mehr so aalglatt heraus, wie es sonst seine Art ist. Da werden noch einige ein paar Wörtchen zu sagen haben, die in dem Buch schlecht wegkommen. Viele werden mal hinterfragen, warum er ständig gestern so geredet hat, und heute aber ganz anders, je nachdem, wie es gerade in seine Imageplanung passt. Auch seine Haus- und Hofpresse von Springer wird ihn da nicht mehr schützen können. Und wehe dem Philipp, wenn die genau das merken. Dann wird er nämlich sehen, wen er sich da zum Freund gemacht hat. Sie machen dich in zwei Jahren zum Gott. Und in zwei Stunden zur Wurst der Nation.

Ich bin gespannt, wie diese Geschichte weitergeht. Wenn mich mein Gefühl nicht trügt, dann wird es brutal für Lahm. Aber die Suppe hat er sich dann selbst eingebrockt und da muss er dann durch. Wenn es dazu führt, dass er geläutert aus der Sache hervor geht, dann sollen sie jetzt ruhig aus allen Rohren auf ihn feuern. Es wurde allerhöchste Zeit. Und bitte, macht Schweinsteiger endlich zum Kapitän! Wenn nicht jetzt, wann dann?

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5 Kommentare zu “Der Opportunist und sein Buch – Philipp Lahm und die eine Image-Kampagne zuviel

  1. Johannes 24. August 2011 um 3:05 pm

    Sehr wahrer und sehr guter Text – volle Zustimmung! Interessant ist auch, dass Lahm immer nur den Weg über Interviews in Printmedien oder jetzt über ein Buch geht. In eine Fernsehkamera würde er solche Sätze nicht sagen…

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  2. sven 24. August 2011 um 6:20 pm

    Stimme dir grundsätzlich zu, aber: „Was hatten wir für großartige Spielführer, die das Amt auf ihre Art so mit Leben, Stolz, Ehre und echten Werten gefüllt und den Verein so wundervoll repräsentiert haben!“

    Matthäus ist gerade 4 Kapitän her…

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  3. LeeDaiGer 24. August 2011 um 11:43 pm

    Sehr schoen. Auch wenn ich dahinter keine radikalen Ruueckschluesse auf Lahms Charakter erlauben wuerde. Wie es ja durchaus anklingt: er hat das nicht aus ganz freien Stuecken selbst geschrieben, vielleicht nicht mal selbst geaeussert. Sehr wohl aber gutgeheissen, was im stark anzukreuden ist.
    Dieses halte ich dann aber auch fuer eines Bayern-Kapitaens unwuerdig. Fragwuerdig als Kapitaen war er fuer mich seit jeher – auch aus anderen Gruenden.
    Aber wie wolle man das jetzt machen, Schweini ins Amt zu hieven, was sehr berechtigt waere?

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  4. ultramuc2007 30. August 2011 um 1:48 pm

    das mit Gott oder Wurst war doch wie immer bei solchen Geschichten ein fließender Übergang. Die BILD darf ein paar „interessante“ Passagen vorab veröffentlichen. Den vorhersehbaren Medien- und Empörungssturm befeuert dann eben genau die BILD am intensivsten. Immer wieder überraschend wie da jemand, der mit dieser Zeitung zusammenarbeitet, weil ja beide Seiten was davon haben, hier Werbung fürs Produkt und dort Verkauszahlen, scheinbar in die Pfanne gehauen wird. Das ist immer wieder das selbe Spiel und der gute Philipp und noch viel mehr sein Berater wussten das ganz genau. Ich denke, die haben (zusammen mit der BILD) schon im Vorfeld das weitere Vorgehen nach Veröffentlichung abgestimmt. Und seit gestern rennen die Käufer in die Läden und kaufen sich ein Buch, das wohl bis auf die bereits veröffentlichten Statements keinen Zündstoff enthält und einfach nur langweilig ist. Das ist so lächerlich und so banal, warum kann der Konsument nicht mal so einen Dreck mit Nichtbeachtung bestrafen?! Schon klar, in einigen Monaten wird das Werk bei Amazon neben den Ergüssen von Stefan Effenberg etc. für EUR 0,01 angeboten, aber bis dahin freuen sich Philipp und Roman über sehr viel leicht verdientes Geld……..Ja, ich bin neidisch, ich gebs ja zu……..

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  5. 1328 19. September 2012 um 7:05 pm

    Ich kann mich da an so einen Nationalmannschafts Torhüter erinnern, der nach ähnlichem Vorfall (Buch und ich enthülle e.t.c.) aus dem Kader und seinem Verein geflogen ist…wie am Anfang des Artikels erwähnt haben sich die Zeiten wohl geändert…

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