Unsere Geschichte – Klassenkampf im Landesmeister Cup 73/74

Kaiser Franz Beckenbauer wirft sich in Dörners Schuss

In der fußballlosen Zeit ist mal wieder ein wenig Platz für ein weiteres Kapitel der Mingablog-Reihe „Unsere Geschichte“, in der an vergangene Großtaten des ruhmreichen FC Bayern München erinnert wird. Heute geht es um eines der denkwürdigsten Duelle unserer Europacup-Geschichte, im Herbst 1973 im Achtelfinale um den Europapokal der Landesmeister. Wie wir den Titel im Endspiel gewonnen haben und wer nicht umgehauen wurde, sondern sie alle fertig gemacht hat, lest ihr hier in einem früheren Teil: Unsere Geschichte – Landesmeistercup 1974

Es war das erste deutsch-deutsche Europapokalspiel zwischen einer Ost- und einer Westmannschaft nach der Trennung der BRD und der DDR. Und für uns sollte es der Wendepunkt in einer schwierigen Saisonphase werden, die wir mit dem ersten Triumph im Landesmeistercup für den FC Bayern München beenden und noch zwei mal diesen Titel verteidigen sollten.

Wir wollen uns auf das Sportliche konzentrieren. Dass politischer Sprengstoff ohne Ende vorhanden war, ostdeutsche Propaganda und westdeutsche Medien wochenlang einhändigen Tango mit weit gespreiztem Ausfallschritt vollführt hatten, das versteht sich von selbst. Für uns war es aber vor allem ein Meilenstein in der weiteren Entwicklung dieser Mannschaft um Stars wie Beckenbauer, Maier, Breitner, Müller und Co., ohne den die glanzvollen anschließenden Jahre vielleicht so nicht möglich gewesen wären.

Das Hinspiel fand am 24.10.1973 im Olympiastadion München vor nicht ganz ausverkauftem Haus statt, was auch ein bißchen die Einstellung zum Gegner preisgibt, den man nicht wirklich ernst genommen hatte. Keiner tat das anscheinend so richtig, weder die Mannschaft noch der Rest im Verein. Manager Robert Schwan wurde mit den Worten zitiert: „Wenn wir gegen die rausfliegen, wandere ich in die Zone aus“ und auf der Anzeigetafel waren vor dem Spiel einige Namen der Dresdner falsch geschrieben. Blanker Hohn.

Man ging also überheblich in die Partie, was sich schnell rächen sollte. Schon zur Halbzeit lag man mit 2:3 hinten und an diesem Punkt schien die Saison nach dürftigen Auftritten zuvor endgültig vor die Hunde zu gehen. Es wird berichtet, der damalige Präsident Wilhelm Neudecker lief in der Pause aufgeregt in die Kabine, um auf den letzten Drücker die Siegprämie zu erhöhen. Bezeichnend. 45 Minuten reichten, um aus Überheblichkeit blanke Nervosität werden zu lassen. Der im Osten berühmte „Dresdner Kreisel“ erwies sich als verdammt harter Brocken.

Mehr als eine Randnotiz: Die wenigen Dresdner Anhänger, denen die Ausreise zu dem Spiel genehmigt wurde, erhielten von zahlreichen Fans des Turnvereins 1860 München stimmgewaltige Unterstützung. Keine 35 Jahre zuvor noch im braunen Sumpf zuhause, biederte man sich schön beim genau gegenteiligen Extrem an. Ein Beispiel von vielen, warum der Abschaum der Abschaum ist, liebe jüngeren Leser.

Aber wir waren schon damals mit dem Rücken zur Wand am stärksten und so drehten wir dank der Tore von „Bulle“ Roth und dem einzigartigen Gerd Müller die Partie noch und gewannen am Ende mit 4:3. Was viele nicht auf dem Schirm haben: Das 4:3 durch Gerd Müller war zugleich sein 1000. Karrieretor seit er 1963 Profi wurde – im 777. Spiel. Auch deshalb eine historische Partie.

Gerd Müllers 1000. Tor seiner Karriere

Sieben Tore, Dramatik und Geschichten wie die mit den Namen auf der Anzeigetafel, dieses Hinspiel hatte alles, was einen Klassiker ausmacht. Doch das Rückspiel sollte dem in nichts nachstehen.

Vor dem Rückspiel war Dresden im Ausnahmezustand. Berichten zufolge hätte man 300.000 Karten an den Mann bringen können, in den freien Verkauf kamen aber nur 8000. Der Rest wurde unter Funktionären und treuen Genossen verteilt. Die Jugendlichen übernachteten vor den Vorverkaufsstellen, die ganze Stadt freute sich auf diese Partie, in der Dresden mit den drei erzielten Auswärtstoren alles andere als eine schlechte Ausgangsposition hatte.

Mehr als eine Anekdote ist natürlich die Anfahrt unserer Roten, die anstatt wie von der UEFA vorgesehen einen Tag vor dem Spiel anzureisen, erst einmal einen Zwischenstopp in Hof machten, mit der Begründung, der Höhenunterschied zwischen München und Dresden (satte 406 Meter) bereite zu große Akklimatisierungsschwierigkeiten. In Wirklichkeit hatte man Angst vor Vergiftungen, wie sie Uli Hoeneß und Paul Breitner einige Jahre zuvor bei einem UEFA-Jugendturnier in Leipzig erlitten, als sie zusammen mit einigen Westmannschaften plötzlich über Durchfall und Übelkeit klagten.

Eben jener Uli Hoeneß sorgte an diesem 7.11.1973 in Dresden für eine schnelle 2:0 Führung unseres FC Bayern. Trainer Udo Lattek überraschte die Dresdner mit einem taktischen Schachzug, indem er Gerd Müller ins Mittelfeld zurückzog, Dixi Dörner sich so aus der Abwehr locken ließ und der pfeilschnelle Uli Hoeneß seinem Gegenspieler Ede Geyer zweimal entwischte und einnetzte. Dresden gelang noch vor der Pause der Anschlußtreffer zum 1:2. Und doch weinte Ede Geyer Berichten zufolge bitterlich in der Kabine und stammelte nur noch:“Noch ein Tor macht der Hoeneß nicht.“

Nach der Pause legte Dynamo Dresden allerdings los wie die Feuerwehr und ging durch einen Doppelschlag 3:2 in Führung. Damit wäre Dresden in der nächsten Runde gewesen. Aber keine zwei Minuten nach der Dresdner Führung stocherte Gerd Müller in unnachahmlicher Art und Weise die Murmel über die Torlinie zum Ausgleich. Die letzte halbe Stunde war ein Nervenspiel, obwohl Dynamo auch nicht mehr entscheidend durchkam. Beim Schlusspfiff sanken beide Mannschaften zu Boden. Die einen vor Erleichterung, die anderen vor Unglück.

Der FC Bayern München sollte sechs Monate später den Pokal mit nach München bringen und eine glanzvolle Ära begründen. Doch in diesem Herbst des Jahres 1973 stand es Spitz auf Knopf und Gott allein weiß was passiert wäre, wenn diese dramatischen Achtelfinalbegegnungen einen anderen Ausgang genommen hätten. Doch da das Leben nicht im Konjunktiv stattfindet sieht der Briefkopf unseres FC Bayern nunmal so aus wie er aussieht: Prall gefüllt.

© 2010 Traumtorschuetze

Gerd Müller T-Shirt FC Bayern München Fanartikel

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2 Kommentare zu “Unsere Geschichte – Klassenkampf im Landesmeister Cup 73/74

  1. […] Vertrag vom Ende letzten Jahres, der das Team um Joachim Löw aufhorchen ließ. Wer so viel bei Bayern München verdient, kann nicht schlecht sein. Aber nein, so plump denkt ein Fachmann wie Löw […]

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  2. Katsche 26. September 2010 um 6:24 pm

    Danke für diese Erinnerung. Wrrde die Schlachten gegen Dynamo nie vergessen, da wurde ich endgültig zum Bayernfan.
    Grandios, wie in dieser Saison der Mythos begründet wurde.

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