Archiv für den Tag 23. Mai 2010

Wenn feiern weh tut…

Marienplatz München. Bild: Luiz Felipe Castro used under CC License

Bin ich zu alt? Diese Frage stelle ich mir zwangsläufig, wenn ich daran denke, was sich in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, wenige Kilometer von mir entfernt auf dem Marienplatz in München abspielt.
Ich hatte mich auf diesen Tag gefreut, ich hatte mich auf gestern gefreut. Die Niederlage gegen Inter kann man verschmerzen, aber kann man das verschmerzen was sich danach und heute abspielt? Nichts gegen eine aufrichtige Feier, um die Jungs die sich das letzte Jahr den Arsch aufgerissen haben aufzubauen und zu zeigen: wir sind trotzdem stolz auf euch! Aber muss es eine „Happy-Teletubbie-Sommermärchen-Feier“ sein? Wo alle dämlich grinsend Sponsorenfähnchen schwenken, weil keine Sau mehr richtige Fahnen hat? Muss es ein Event sein, bei dem man durchgehend von Musik beschallt wird, die eher in eine Diskothek gehört als zu einer Saisonabschlußfeier? Und es ist ja nicht nur die Musik, es ist auch das Publikum…

Ich stand auf dem Marienplatz und ich fühlte mich unter den ganzen anderen Bayernfans Fehl am Platz. Als hätte ich 10 Jahre geschlafen und hätte etwas verpasst. Und das führt mich zu meiner Frage zu Beginn zurück: bin ich zu alt für das alles womit sich heute „Fans“ präsentieren?

Vor zwei Jahren waren „Vuvuzelas“ unbekannt, sie gehörten zur afrikanischen Tradition und es hat sich in Europa kein Schwein dafür interessiert. Jetzt sieht, und was noch viel schlimmer ist, hört man sie überall. Sie haben nichts mit unserer Fankultur zu tun. Sie haben nichts mit Bayern zu tun. Aber sie sind halt hip, weil Fußball hip ist. Hip seit 2006, als uns der größte Blender der Nation – der vor einem Jahr bei uns gezeigt hat wie „gut“ er wirklich ist – zu einem Sommermärchen verholfen hat das sich mehr und mehr als Albtraum entpuppt.

2001, nach unserem Triumph in der Champions League stand ich auch auf dem Marienplatz. Die Meute war heiß die Mannschaft zu sehen, mit ihr zu feiern. Ich sah ein Fahnenmeer, ich sah Leute bei denen ich mir sicher sein konnte das ihnen der Verein sooooooo viel bedeutet. Neun Jahre später steht man an gleicher Stelle, sieht einen hirnlosen Mob, der einfach nur da ist, um sich selbst zu feiern. Ich sehe ein gleichgeschaltetes Fähnchenmeer, bei dem sich unser Sponsor wohl tierisch freut wenn er das sieht. Ich sehe Leute bei denen ich das Gefühl habe, sie kommen direkt aus irgendeiner Trend-Disko. Bei denen es mir jedoch schwerfällt daran zu glauben, dass diese Leute mit Herzblut beim FC Bayern sind.

Grob geschätzt zwei Meter neben mir steht der Fernseher, der gerade die Feier, pardon, das Event auf dem Marienplatz überträgt. Ich sehe Spieler, denen ich heute liebend gern zugejubelt hätte, um ihnen zu zeigen, welchen Respekt ich vor ihrer Leistung habe. Ich sehe jedoch auch Spieler, die ausgerechnet diesem hirnlosen Mob zurufen wie toll sie doch wären. Das sagen sie zu den Leuten die vor 8 Monaten bei einem Fehlpass gepfiffen haben. Ich höre wie ständig neue Lieder vom Band kommen, ich höre jedoch keinen einzigen Fangesang. Nur das ständige rufen irgendwelcher Vornamen unserer Spieler, je nachdem wer gerade das Mikro hat. „Arjen, Arjen, Arjen“… „Philipp, Philipp, Philipp“… „Louis, Louis, Louis“…

Auch wenn ich weiß, dass wohl niemals ein Spieler unseres Vereins diese Zeilen lesen wird, möchte ich wenigstens an dieser Stelle das schreiben, was ich am liebsten jedem Spieler persönlich gesagt hätte: Ich bin so verdammt stolz auf euch, auf eure Leistung! Wie ihr es geschafft habt, eine zu Beginn schwierige Saison so zu beenden. Mir geht das Herz auf wenn ich sehe, mit welchem Spaß ihr Fußball gespielt habt in letzter Zeit. Wenn ich sehe, wieviel Spaß ihr bei den Feiern in Berlin hattet. Ich bin so froh darüber, dass dieses Team im Kern weiterbestehen wird, weil ich weiß, dass ihr euch weiterhin verbessern könnt.

Wenn ich sage, dass ich das Gefühl habe heute sei ein Teil in mir gestorben, dann meine ich damit nicht die Niederlage. Damit meine ich das was sich heutzutage als Fanschar zeigt und bei dem ich mich irgendwie unpassend fühle. Wenn ich frage ob ich zu alt bin, kenne ich eigentlich die Antwort, denn ich bin erst 26. Stelle ich mir jedoch die Frage, ob ich zu alt für die heutige Fanschar bin, weiß ich nicht was ich sagen soll. Vor allem wenn man bedenkt, was dann erst die Leute sagen müssten, die schon mehrere Jahrzehnte Herzblut für unseren Verein gegeben haben.

Gestern auf dem Nachhause-Weg habe ich mir gewünscht Fan eines Kreisligavereins zu sein, mit höchstens 200 Leuten ein Spiel auf einem holprigen Dorfplatz zu sehen. Ohne Gloryhunter… Ohne Sponsorenfähnchen… Ohne Diskomusik… Und das wo ich doch nach dieser Saison so glücklich sein müsste wie selten in den letzten Jahren… Bin ich zu alt?

© 2010 elreyloco

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