Archiv für den Tag 9. April 2010

Just brillant!

We rocked Old Trafford. Bild: azrael74 used under CC License

Seid ihr alle wieder einigermaßen aus dem Siegestaumel aufgewacht? Ich persönlich fasse es gar nicht so richtig, dass schon wieder Wochenende ist. Die Zeit seit Mittwoch ist irgendwie wie in Trance an mir vorbeigezogen. Siegestrunken und dauerhigh. Aber wenn etwas geschieht, von dem du noch in 20 Jahren schwärmen wirst, sind zwei plus x Tage zur Verarbeitung dessen sicherlich erlaubt.

Schon tagsüber war der Mittwoch brutal. Es ist dieses ganz besondere Gefühl am Tag eines so großen Spiels. Diese Mischung aus zerissener Anspannung, Kampfeslust und Vorfreude. Es gibt nur ein Thema den ganzen Tag über, das große Spiel am Abend. Du wachst schon mit Schlachtgesängen im Kopf morgens auf. Kumpels rufen dich den ganzen Tag über an und die ersten Worte sind: „Hombre, ich muss mit irgendjemandem reden!“ und du denkst nur, „scheisse, ich auch“. Du hörst von 2 m großen ausgewachsenen Männern, die je näher das Spiel rückt völlig am Ende sind und ihrer Freundin Geld in die Hand drücken und mit den Worten „geh einkaufen, iss noch irgendwo was, aber komm bloß nicht so schnell wieder“ aus dem Haus werfen. Ja, das sind diese Tage, diese einzigartigen Tage. An solchen Tagen kann man Geschichte schreiben. Ein Tag zum Helden zeugen!

Doch kaum ist man in seine „Freistaat Bayern“ Flagge gehüllt und hat die erste Nervosität abgelegt, die in den letzten zehn Minuten vor Anpfiff brachial wird, liegen wir schon 2:0 hinten. Die Jungs kriegen kein Fuß auf die Erde, hinten ist Polen offen und der gegnerische Strafraum erscheint eine halbe Stunde lang höchstens wie eine verheißungsvolle Fata Morgana am fernen Horizont. Und trotzdem ist man nicht gewillt auch nur eine Sekunde zu resignieren. Schließlich ist diese Truppe in diesem Jahr immer für die verrücktesten Dinge gut. Und sie kämpften. Es gelang ihnen wenig bis nichts, aber sie lebten und eroberten sich Zentimeter um Zentimer im Old Trafford zurück.

Und als wir gerade einigermaßen im Spiel waren, wir auch endlich mal eine Torchance kreieren konnten durch Ivica, da fällt im Gegenzug das 3:0. Der nächste Nackenschlag. England feiert schon den Einzug ins Halbfinale (hört jeden englischen Kommentar bei dem Tor) und außer uns Roten hat wohl keiner auf dieser Fußballwelt zu diesem Zeitpunkt noch einen Pfifferling auf uns gesetzt.

Lange Zeit zum Nachdenken blieb ja eh nicht, da Ivica sofort das so wichtige Anschlusstor erzielte. Aber schon nach dem 3:0 war bei mir nur noch Trotz da. Ich war so eingestellt, ich hätte meinen Glauben an die Mannschaft bis zur buchstäblich allerletzten Patrone nicht verloren.

Dann kam Ivica, der Kroate, der fußballerisch deutscher als jeder Deutsche ist und brachte das Empire mit seinem Tor buchstäblich zum erzittern. Was dann geschah war nämlich im Nachhinein betrachtet psychologisch unglaublich interessant. Manchester schwamm auf einmal komplett. Von wegen „Wild Card“ Los FC Bayern München, so wie ganz England bei der Auslosung frohlockte! Ihnen wurde schlagartig klar, noch ein Tor und wir sind draußen. Und fuck, wir haben es hier mit einer deutschen Mannschaft zu tun. Und fuck, nicht irgendeine, sondern die hungrigste von allen, die die niemals aufgibt, la bestia negra, der FC Bayern München! Da spielte psychologisch so viel eine Rolle, was die Engländer allgemein über den deutschen Fußball denken und was in Linekers berühmter Aussage so treffend rüberkommt: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Mann rennen 90 Minuten einem Ball hinterher und am Ende gewinnen immer die Deutschen“.

Es spielte die Erfahrung des Hinspiels eine Rolle und das Wissen, dass wir 1999 nicht vergessen, sondern im Gegenteil es verinnerlicht haben, dass das „niemals aufgeben“ ein großer Teil unserer Vereinsphilosophie geworden ist. Manchester hatte Angst, das war sofort nach dem 3:1 zu sehen. Fußballerisch ist das nicht zu erklären, das steht vielmehr exemplarisch für die Bedeutung der Psyche beim Fußball.

Und so nahmen die Dinge ihren schicksalsträchtigen Lauf. Auch der Platzverweis ist unter diesem Aspekt nur folgerichtig gewesen. Wenn die einen Elfmeter bekommen hätten, den hätten sie auch noch verschossen. Das Spiel bot einfach nur noch allen Vorurteilen die zwischen dem englischen und deutschen Fußball existieren einen reichhaltigen Nährboden.

Das kann man natürlich zwei Tage später ganz gut so reflektieren. Während des Spiels selbst spürst du nur, wir können hier eigentlich gar nicht ausscheiden heute, wir machen noch das Ding. Aber trotzdem sind die Nerven natürlich zum zerreißen gespannt. Aber du hörst die Bayernfans, die einen Monstersupport das ganze Spiel über hinlegen als gäbe es kein Morgen und das Old Trafford fest in ihrer Hand haben (großartig Jungs, ich verneige mich!!) und du glaubst in jeder Sekunde dran, dass wir das heute packen.

Und dann siehst du die Ecke kommen. Du siehst sofort, der Ball kommt gut, Robben ist blank und du weißt bei der Hälfte der Flugbahn, den nimmt der Verrückte volley. Der Ball kommt auf den Bierdeckel, Robben holt aus und peitscht den Ball förmlich links unten ins Eck mit einer Schußhaltung und Technik, die jenseits jeglicher Perfektion liegt. Das war der bildliche Beweis dafür, dass es noch etwas über der totalen Perfektion gibt. Wenn die Wissenschaft dieses Tor unter kinetischen Aspekten untersuchen würde, sie würde an ihre Grenzen stoßen und fortan an den göttlichen Funken glauben. Dieses Tor war unfassbar. Arjen Robben ist unfassbar. Diese Mannschaft ist unfassbar. Mein Stolz ist unfassbar. Der Rest des Spiels, der Jubel danach, die folgenden Tage in Trance, alles unfassbar.

Aber morgen haben wir schon wieder Leverkusen vor der breiten Brust. Man kriegt gar keine Zeit diese ganzen irren Ereignisse dieser Saison zu verarbeiten, der Rausch muss immer weitergehen. Wir wollen ja schon nach Möglichkeit nicht nur schön mitgespielt haben, sondern auch ein paar Trophäen in den Schrank packen am Ende des ganzen Spektakels. Es ist zwar jetzt schon eine unbeschreiblich geile Saison gewesen, aber zu viel Bescheidenheit steht uns auch nicht besonders gut. Wir bleiben gefrässig, wenn der Bayernzug einmal rollt macht er keinen Halt mehr. Und wenn würde Ivica persönlich aussteigen und das Ding mit purer Willenskraft und etwas Muskeln wieder ins Rollen bringen, so viel steht mal fest.

Links zum Thema:

Schöne Zusammenfassung mit englischem Kommentar: Just brillant

ManU Forum blaming Bayern /the ref 😀 Your hate is our pride!

© 2010 Traumtorschuetze

la bestia negra Hoodie Kapuzenpullover FC Bayern München Fanartikel

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