Archiv für den Tag 4. November 2009

Anspruch und Wirklichkeit. Und wo ist nur die Leidenschaft?

Rest in peace Erfolgsfans! Bild: unusualimage used under CC License

Enttäuschung, Ratlosigkeit, Wut…das Spektrum der Gefühle rund um unseren FC Bayern nach unserer Niederlagen gegen Bordeaux ist breit. Mir geht es nicht anders und aus dieser Gefühlslage heraus auf Ursachenforschung zu gehen fällt schwer. Ich hole mal weeeeit aus.

Sicher hat bedingt durch die Ausfälle von Schlüsselspielern in der Offensivabteilung ein Stück weit die Kreativität gefehlt. Aber das ist nicht mein Ansatzpunkt. Meinetwegen kann man verlieren, wenn man am Ende feststellen muss, dass die Qualität einfach nicht gereicht hat. Aber das setzt eine Sache vorraus, welche uns viel mehr groß gemacht hat als alles andere, auch in Europa: Leidenschaft.

Seien wir doch mal ehrlich. Wir hatten noch nie die besten Einzelspieler Europas, rein auf dem Papier waren wir immer gegen die großen Clubs der Außenseiter. Der Unterschied war, dass wir uns wohl gefühlt haben in dieser Rolle. Heute klaffen da Anspruch und Wirklichkeit völlig auseinander. Im ganzen Verein, vom größenwahnsinnigen Vorstand, über einen in den letzten Jahren herangezüchteten und mitlerweile großen Teil der Fans, bis hin zur Mannschaft. Alle wollen sich unbedingt mit Real Madrid und Manchester United auf einer Stufe sehen. Und so bekommt man gegen eine vermeintliche europäische 1B-Mannschaft wie Bordeaux am Ende nicht mal mehr Kampf.

Wir waren das wie gesagt auch früher nicht, auf einer Stufe mit den ganz Großen. Zumindest nicht auf dem Papier, sondern wenn dann nur wegen Dingen, die mit unserer Einstellung zu tun hatten. Selbst im triumphalen Jahr 2001 waren wir gegen all diese Kaliber nur der Außenseiter. Davor sowieso, mit Ausnahme Mitte der 70er vielleicht. Der erste Denkfehler fängt dann also schon beim Vorstand an, wenn er vor etwa 1 1/2 Jahren vollmundig verkündete, wir wollten „wieder“ in diesen Kreis der besten Mannschaften Europas „zurück“. Wir waren da noch nie. Nur war sich darüber jeder im Verein bewusst in dieser goldenen Vergangenheit.

Niemand hatte damals den Anspruch, den amtierenden französischen Meister mit spielerischen Mitteln schwindelig zu spielen. Die Grundhaltung war eine ganz andere als heute. Solche Gegner entsprachen unserer Augenhöhe und jeder wusste das. Und somit war auch jedem klar, dass wir in jedem Spiel, egal gegen welchen Gegner, mindestens 100 % Kampf abrufen mussten, um auf europäischer Bühne zu bestehen.

Anspruch und Wirklichkeit. Wir könnten auch heute mit der aktuellen Mannschaft bestehen. Sie ist – ebenfalls bedingt durch den wachsend realitätsfremden Größenwahn unseres Vorstands – in weiten Teilen um einiges besser besetzt, als so manche Bayernmannschaft, welche uns in der Vergangenheit würdig bis ruhmreich europäisch vertreten hat. Wahnsinnig viel teurer – auch inflationsbereinigt – ist die aktuelle Mannschaft in jedem Fall. Nur sind die Jungs damals mit einer ganz anderen Grundhaltung auf den Platz gegangen. Zuerst mal dem Gegner den Schneid abkaufen, harte Zweikampfführung und damit Einschüchterung des Gegners. Und darüber hinaus und auf dieser Basis dann die Entwicklung unserer spielerischen Fähigkeiten. Wir konnten uns halt nicht auf irgendwelche Einzelkönner verlassen.

Heute sieht das ganz anders aus. So emotionslos in ein so wichtiges Champions League Spiel zu gehen, wie wir es gestern gemacht haben, das kannst du dir nicht einmal erlauben, wenn du 300 Millionen statt 70 Millionen pro Saison in Stars investierst. Das ist aber nur die Folge einer tiefgreifenden Mißinterpretation des legendären „Mia san mia“ in den letzten Jahren. Früher bedeutete das mit jedem Ballkontakt und in jedem Zweikampf eine gottgegebene Giftigkeit auszustrahlen. Es hatte mit niemals aufgeben zu tun, bis zur letzten Sekunde. In dieser Philosophie steckte also schon, dass wir immer und ständig und in jeder Sekunde um und für unsere Dominanz kämpfen mussten.

Aber diese heutige Mißinterpretation ist nicht in der Mannschaft entstanden, dort spiegelt sie sich nun letztendlich nur wieder. Sie ist definitiv beim Vorstand entstanden. Das ist die Quelle allen Größenwahns. Seit Rummenigge (und zwar genau seitdem) sein imaginäres Zepter schwingt, hat sich die Philosophie unter gleichem Namen mehr und mehr gewandelt. „Mia san mia“ steht heute nun auf dem bisherigen Höhepunkt dieses Prozesses nur noch für „Höher, schneller, weiter“, eine einzige Seifenblase. Es steht für die Idee, sich den Erfolg erkaufen zu können, ja geradezu zu müssen. Und solange sich diese „Mia san mia“-Philosophie nicht zurück zu ihren oben angesprochenen Wurzeln entwickelt, werden wir auch noch mehr Vereinsanteile verkaufen, irgendwann die 50 +1 Regel mithelfen abzuschaffen um auch den letzten Rest des Vereins zu verscherbeln. Weil man auf Krisen immer wieder mit neuen Einkäufen reagieren wird, ohne Sinn und Verstand.

Die schlechte Zusammensetzung der heutigen Mannschaft, die trotz so einiger Einzelkönner und europäischen Topverdienern nunmal gegeben ist, kommt ja auch nicht von ungefähr. Es spiegelt nur diese veränderte Philosophie wieder. Früher mussten wir noch auf unser Geld achten. Zumindest um europäisch einigermaßen mithalten zu können sportlich. Man hat darauf geachtet Typen zu verpflichten, welche zum Verein und unserer Philosophie passen. Man hat klare Ziele verfolgt, wie zum Beispiel rund um die Jahrtausendwende jede Position möglichst gleichwertig doppelt zu besetzen. In den letzten Jahren wurde aber ohne Sinn und Verstand eingekauft. Wie bei einem Managerspiel auf dem Computer wurde da wahllos nach Namen eingekauft und dabei Kohle ohne Ende verbrannt. Teilweise wurde nicht einmal darauf geachtet, ob es überhaupt von der Position des jeweiligen Spielers her in irgendeiner Weise sinnvoll ist. Und so kommt es dann, dass wir wie gestern mit van Bommel, Tymo und Schweinsteiger praktisch drei 6er auf dem Platz stehen haben und den Esprit einer Wanderdüne versprühen. Wir sind auf manchen Positionen drei- oder vierfach besetzt. Auf anderen sind wir praktisch gar nicht besetzt.

Anspruch und Wirklichkeit. Was wir glaube ich alle miteinander verstehen müssen ist, dass wir uns in einem Teufelskreis befinden. Ich fürchte der Vorstand wird schon im Winter auf diese Dinge wieder mit dem Reflex reagieren, noch mehr Geld für neue Spieler auszugeben. Und genau das ist ja auch der Reflex weiter Teile der Fans. Jetzt soll also noch ein 10er von internationaler Klasse verpflichtet werden und DANN wird alles besser. So hör ich viele rufen. Aber genau diese Denkweise ist es, die uns in die jetzige Situation gebracht hat. Um aus diesem Teufelkreis auszubrechen, müssten wir das genaue Gegenteil praktizieren. Das ist meine feste Überzeugung. Nur wenn alle – angefangen beim Vorstand, über die Mannschaft, bis zu den Fans – ihre Anspruchshaltung überdenken, finden wir zu uns selbst zurück. Manchmal muss man einen Schritt zurück machen, um letztendlich irgendwann zwei Schritte nach vorne zu gehen. Und dies ist so ein Fall.

Dies muss allerdings im Vorstand beginnen. Nur mit einer vernünftigeren und auf unsere Wurzeln beruhenden Grundeinstellung und daraus resultierenden Aktivitäten auf dem Transfermarkt, wird man auch wieder eine vernünftigere Struktur innerhalb der Mannschaft bekommen. Und auch nur dann wird man eine Mannschaft mit der richtigen Einstellung auf dem Platz bekommen. Blind die zig Millionen Jahr für Jahr auszugeben und damit die offensichtlichen Probleme nur zu kaschieren, anstatt sie an den Wurzeln zu packen, ist nicht unser Weg zum Erfolg. Alles und jeden nur unter Marketinggesichtspunkten zu sehen ebenfalls nicht. All das führt nur zu eins: Einer echten Identitätskrise, wie wir sie im Moment erleben.

Anspruch und Wirklichkeit. Das gilt im übrigen auch für die Fans. Enttäuschung, Ratlosigkeit, Wut…nach diesem Auftreten der Mannschaft alles irgendwie verständlich. Aber wenn man in der Niederlage nicht dazu fähig ist eine gewisse Haltung zu bewahren, dann fehlte nicht nur der Mannschaft die Leidenschaft. Das Wort „Leiden“ ist ja nicht umsonst Bestandteil dieses Begriffes. Vielleicht trennt sich jetzt mal die Spreu vom Weizen, entsprechend dem Bild über diesem Artikel. Aber auch das würde mit einer veränderten Grundhaltung des Vorstands beginnen. Solange dieser die Kunden statt Fans mit ihrem Größenwahn heranzüchtet, wird sich da auch bei zeitweiligem Mißerfolg nichts ändern. Auch da bedarf es einer radikalen Rückkehr zu unseren Wurzeln, um diesem Teil des Teufelskreis zu entkommen. Dennoch möchte ich euch folgenden flammenden Blogeintrag eines schreibenden Kollegen empfehlen, der dieses „Haltung bewahren in der Niederlage“ sehr, sehr schön auf den Punkt bringt: Vereinsliebe ist mehr…

© 2009 Traumtorschuetze

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