Von Wutreden, Blaskapellen, und den bitteren Folgen.

Auf und seit der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München vergangene Woche, haben sich viele Dinge ereignet, die der durchschnittlich interessierte Fan nur schwer durchblicken kann. Ich will einen Versuch machen die Dinge ein wenig aufzuschlüsseln und verständlich zu machen. Die mediale Darstellung war und ist voller Halb- und Unwahrheiten und vieles kann nicht unkommentiert im Raum stehen gelassen werden.

Alles fing mit einem relativ harmlosen Redebeitrag eines Mitglieds auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern an, in welchem er die schlechte Stimmung in der Allianz Arena aus seiner Sicht beschrieb. Sicherlich bespickt mit einigen humoristischen Spitzen, aber nie respektlos. Der einfache Tenor…das Publikum in der Allianz Arena hat sich verändert. Nachdem viel Mühe investiert wurde neue Besucher anzulocken, bat er den Verein schlicht sich etwas mehr den treuen Fans anzunehmen, die in der Kurve für die Stimmung verantwortlich sind. Dabei ging es um nichts weiter als um konstruktive Gespräche mit den Vertretern dieser Fans.
Mehrmals betonte er sogar, dass die neuen Kunden, auch in den Logen, zur Finanzierung des Stadions nötig sind und da auch niemand etwas gegen hätte. Nur jetzt könne sich wieder etwas mehr der Basis zugewand werden.

Hier der Redebeitrag in voller Länge. Leider ging natürlich nur der Wutausbruch danach von Uli Hoeneß durch die Medien. Ein vollständiges Bild ergibt sich allerdings nur durch die Betrachtung dessen, was dem vorraus ging. Nämlich nichts, was den zweifellos medienerprobtesten Manager des Landes so hätte aus der Haut fahren lassen müssen.

Teil 1 des Redebeitrags auf der JHV des FC Bayern München

Teil 2 des Redebeitrags auf der JHV des FC Bayern München

Dann kam eine Antwort, mit der wohl niemand gerechnet hatte. Uli Hoeneß vergriff sich von Beginn an im Ton und redete sich geradezu in Rage. Man weiß bis heute nicht, wen er eigentlich genau meinte, er sprach ja nur allgemein im Plural. Seinen Vorredner kann er jedenfalls nicht gemeint haben.

Uli Hoeneß Wutrede als Reaktion auf den Redebeitrag

Leider ging in der Antwort von Uli Hoeneß wirklich so ziemlich alles durcheinander. Aus der Bitte des Redners nach mehr Kommunikation mit den langjährigen Fans wurde, dass alle zurück nach Weinheim wollten und dergleichen Humbug. Dann der unsägliche Hinweis, das die Fans mit ihren 7 EUR Karten eh nichts wert sind und von den Logenbesitzern gesponsort werden. Die Unterstellung, irgendjemand fände es bei 1860 total toll, die ganz bestimmt für niemanden der dort Anwesenden ein Vorbild sind. Und noch der Hinweis auf Ebay und Google, wo dann wirklich nur noch alles in einen Topf geworfen wurde (wer die Gefahr für die Fanszene kennt, die von Google ausgehen soll, bitte melden).

Dann kam ein weiteres Mitglied zu Wort. Weil dieses nicht so gerne Land auf Land ab zu sehen sein möchte, was wir natürlich respektieren, liegt der Redebeitrag nur als PDF Version vor.

Zweiter Redebeitrag auf der JHV per PDF

Dieser Redebeitrag ist absolut sachlich, betont ebenfalls den Wunsch nach mehr Kommunikation, wie es bei den allermeisten Clubs ganz alltäglich ist. Dazu sind einige sehr konkrete und keineswegs dreisten Verbesserungsvorschläge enthalten.

Karl-Heinz Rummenigge wollte dann aber trotzdem natürlich nicht gegenüber Uli Hoeneß zurückstehen und nahm die Gelegenheit wahr, den ungeliebten, weil manchmal kritischen Club Nr. 12 zu diffamieren. Der Club Nr. 12 ist eine Dachorganisation für sehr viele verschiedene Bayern Fanclubs und aktive Bayernfans. Vorsitzende und Mitglieder aus über 200 verschiedenen und offiziellen Bayern-Fanclubs sind auch Mitglied des Club Nr. 12. Er organisiert die großen Choreographien und versucht die Interessen der Kurve seit über 10 Jahren konstruktiv zu vertreten. Der Club Nr. 12 genießt einen ausgezeichneten Ruf unter den Bayernanhängern und macht hervorragende, integrative Arbeit. Nach Rummenigges Meinung allerdings, würden genau diese Leute eine „beschissene Rolle“ spielen im Zusammenhang mit der Stimmung im Stadion. Ein Vorwurf der blankes Entsetzen bei den Fans des FC Bayern verursachte. Ein unerklärlicher Angriff aus heiterem Himmel.

Karl-Heinz Rummenigge zum Club Nr. 12 und von holländischen Blaskapellen

Der „Vorschlag“ mit der Blaskapelle war dann natürlich das komödiantische Highlight einer wirren Rede. Fern von jeder Selbstbeweihräucherung versteht sich, das ist ihm ja anscheinend ganz wichtig, dann betone ich das mal extra. Komödiantisch war das zumindest für die Fans anderer Vereine. Für die Bayernfans war das natürlich eher eine echte Tragödie, die erstmal Sprachlosigkeit verursachten.

In den folgenden Tagen nach der Jahreshauptversammlung stürzten sich natürlich die Medien wie die Geier auf den Ausbruch von Uli Hoeneß. Aber natürlich voller Sensationsgier und ohne jegliche Substanz in der Sache. Das große öffentliche Echo schien den Vorstand des FC Bayern ziemlich überrascht zu haben (wird doch die Internetübertragung „schlauer Weise“ alljährlich genau vor den Redebeiträgen der Mitglieder abgeschaltet). Jedenfalls sahen sie sich genötigt, bei diesem unerwartetem Medienecho, einen offenen Brief an die Fans auf ihrer Homepage zu veröffentlichen. Dieser sollte wohl die Fans besänftigen, machte aber alles nur noch schlimmer. Abgesehen davon, dass nichts als der schnöde Mammon Inhalt dieses Briefes war (dieses hat soviel gekostet, jenes kostet soviel, für das und das Geld kann man jenes erleben), kamen dort erste Vergleiche mit italienischen Verhältnissen auf. Friedliche und engegierte Bayernfans wurden auf einmal indirekt der Gewaltbereitschaft bezichtigt.

Offener Brief des FC Bayern München an die Fans (wer genau gemeint ist, weiß man bis heute nicht)

Da keinem Vertreter des Club Nr. 12 auf der Jahreshauptversammlung nach dem Angriff von K.-H. Rummenigge ein Rederecht eingeräumt wurde und trotz Bitte auch Tage danach keine Stellungnahme von Herrn Rummenigge kam, in der er seine schwammigen Vorwürfe hätte präzisieren können, veröffentlichte auch der Club Nr. 12 einen offenen Brief. In diesem bat der Club Nr. 12 auf eine gemeinsame Linie zurückzukehren und versuchte offensichtliche Mißverständnisse auszuräumen.

Im Angesicht der scharfen Attacken, eine mehr als besonnene Reaktion einer Vereinigung, die sich aber auch rein gar nichts vorzuwerfen hat, aber plötzlich in eine Ecke gedrängt wird, in die sie überhaupt nicht gehören.

Offener Brief des Club Nr. 12 an Karl-Heinz Rummenigge

Vier Tage später und mit ausreichendem Abstand zur angeblich so emotionalen Rede auf der Jahreshauptversammlung, trat Uli Hoeneß dann im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen auf. Mit ruhiger Stimme und in vollem Kalkül präzisierte er dort seine Anschuldigungen, eine kleine Gruppe von Bayernfans wolle italienische Verhältnisse, sei Gewaltbereit und wolle die Kontrolle über die Kurve gewinnen. Andere Fanclubs würden schon mal bedroht, etc. Immer wieder brachte die Moderatorin den Namen des Club Nr. 12 ins Spiel, unwidersprochen von Uli Hoeneß. Urplötzlich wurde so aus einer Gruppe, die nie auch nur im geringsten auffällig geworden war, eine Bande von Rowdies.

Uli Hoeneß im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen Teil 1
Uli Hoeneß im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen Teil 2
Uli Hoeneß im Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen Teil 3

Der Versuch eine kleine Gruppe von Bayernfans zu isolieren und mit den anderen auf Friede, Freude, Eierkuchen zu machen, schlug allerdings total fehl. Denn Uli Hoeneß unterschätzte völlig, welch breite Unterstützung der Club Nr. 12 innerhalb der Fanszene des FCB hat. Jeder, der sich mit der Fanszene beim FC Bayern ein kleines bißchen beschäftigt, weiß um die klasse Arbeit des Club Nr. 12. Alleine in 24 Stunden nach dem Auftritt von Uli Hoeneß im Blickpunkt, überschwemmten 70 neue Mitgliedsanträge den Club Nr. 12. Alle solidarisierten sich spontan mit der so zu Unrecht beschuldigten Vereinigung.

Einen Tag später relativierte Uli Hoeneß nach einem längst überfälligen Treffen mit dem Club Nr. 12 im Spartensender DSF, was er Tags zuvor im einschaltquotenstarken BR noch so deutlich andersherum formuliert hatte. Ein Eiertanz.

www.clubnr12.de über die Aussprache mit dem Vorstand
Kleiner Hinweis auf fcb.de, der keine Anzeichen der Gewalt beim Club Nr. 12 klarstellt

So traurig wie die Medienlandschaft in unserem Land funktioniert, hatten da aber schon längst unaufhaltsam die Mechanismen gegriffen, in denen eine Zeitung von der anderen den selben im Blickpunkt Sport verbreiteten Müll abschrieb, ohne die geringste Recherche. Bayernfans in den einschlägigen Foren versuchen gegen jeden einzelnen falschen Artikel mit bitterbösen Leserbriefen vorzugehen und den Ruf des Club Nr. 12 wieder herzustellen. Ein Kampf gegen Windmühlen, der teilweise sogar mit kleinen und größeren Erfolgen verbunden ist. Wichtige Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung berichten schon differenziert und gut recherchiert.

Artikel der SZ Onlineausgabe vom 20.11.07
Artikel der SZ Printausgabe vom 22.11.07

Der überwiegende Anteil der Berichterstattung ist aber bis heute voller Halb- und Unwahrheiten, das Kind ziemlich tief in den Brunnen gefallen. Zwischen den beschimpften und zutiefst enttäuschten Fans des FC Bayern und dem Vorstand ist in diesen Tagen sehr, sehr viel Porzellan zerbrochen. Man wird das Gefühl nicht los, die letzten kritischen Fans sollten hier mundtot gemacht werden. Wie groß die Gruppe derer ist, die sich vom Vorstand zutiefst beleidigt fühlen, wurde dabei aber anscheinend total unterschätzt.

Die öffentliche Meinung kontrolliert der FC Bayern natürlich bei ihren Medienkontakten. Innerhalb der Fanszene solidarisiert sich allerdings so ziemlich alles mit dem Club Nr. 12. Da haben sich die Herren schön verkalkuliert.

Ich hoffe der ein oder andere fühlt sich jetzt etwas besser informiert und kann nun den vielen Halb- und Unwahrheiten die verbreitet werden trotzen. Welche Intention der Vorstand des FC Bayern mit all dem hat, darüber kann und soll sich jeder sein eigenes Bild machen. Die einen vermuten pures Kalkül, die anderen pure Ahnungslosigkeit von der eigenen Fanszene, wieder andere vermuten beides. Fest steht, dass dieses Thema auch Fans anderer Vereine angeht, die vielleicht die nächsten sind. Hohn und Spott sind punktuell verständlich (über Blaskapellen würde ich auch herzhaft lachen, wäre ich kein Roter), aber die Tendenz, dass die treuesten Fans kaum mehr gebraucht werden, ist in den meisten Vereinen rasant fortschreitend vorhanden. Sicherlich hat sich nicht überall der Vorstand so weit von den eigenen Fans entfernt wie in München. Aber dort ist man halt immer seiner Zeit etwas vorraus.

© 2007 Traumtorschuetze

Treue kann man nicht kaufen T-Shirt

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Ein Kommentar zu “Von Wutreden, Blaskapellen, und den bitteren Folgen.

  1. […] Südkurve”, welches seit der skandalösen Jahreshauptversammlung des FCB (Der Hass und Stolz Blog  berichtete von Wutreden, Blaskapellen und den bitteren Folgen) das Bayernboard bei Foros als Hintergrund ziert, als bestes Boarddesign 2007 ausgezeichnet. […]

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